Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
144
Einzelbild herunterladen
 

144 Zum Laokoon.

Die Mahlerey schildert Körper, und andeutungsweise durch Kör-per, Bewegungen.

Die Poesie schildert Bewegungen, und andeutungsweise durchBewegungen, Körper.

Eine Reihe von Bewegungen, die auf einen Endzweck abzielen,heißet eine Handlung.

Diese Reihe von Bewegungen ist entweder in eben demselbenKörper, oder in verschiedene Körper vertheilet. Ist sie in eben dcmsel-den Körper, so will ich cS eine einfache Handlung nennen; und einecollective Handlung, wenn sie in mehrere Körper vertheilet ist.

Da eine Reihe von Bewegungen in eben demselben Körper sichin der Zeit eraugncn muß,- so ist es klar, daß die Mahlerey auf dieeinfachen Handlungen gar keinen Anspruch machen kann. Sie ver-bleiben der Poesie einzig und allein.

Da hingegen die verschiednen Körper, in welche die Reihe vonBewegungen vertheilet ist, neben einander in dem Raume existiren müs-sen; der Raum aber das eigentliche Gebiet der Mahlerey ist; so gehö-ren die collectiven Handlungen nothwendig zu ihren Vorwürffen.

Aber werden diese collective Handlungen deswegen weil sie indem Raume erfolgen, aus den Vorwürffen der poetischen Mahlereyauszuschließen seyn?

Nein. Denn obschon diese collectiven Handlungen im Raumegeschehen; so erfolget doch die Wirkung auf den Zuschauer in der Zeit.Das ist; da der Raum, den wir auf einmal zu übersehen fähig sind,seine Schranken hat; da wir unter mannigfaltigen Theilen neben ein-ander uns nur der wenigsten auf einmal lebhaft bewußt seyn können:so wird Zeit dazu erfordert, diesen größern Raum durchzugehen unduns dieser reichern Mannigfaltigkeit nach und nach bewußt zu werden.

Folglich kann der Dichter eben sowohl das nach und nach be-schreiben, was ich bey dem Mahler nur nach und nach sehen kann;so daß die collectiven Handlungen das eigentliche gemeinschaftlicheGebiete der Mahlerey und Poesie sind.

Sie sind, sage ich, ihr gemeinschaftliches Gebiet, das sie abernicht auf einerley Art bebauen können.

Gesetzt auch, daß die Betrachtung der einzeln Theile in der Poesieeben so geschwind geschehen könnte, als in der Mahlerey: so fallt dochihre Verbindung in jener weit schwerer als in dieser, und das Ganzekann folglich in der Poesie von der Wirkung nicht seyn, als es in derMahlerey ist.