Zum Laokoon,
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WaS sie daher am Ganzen verlieret, muß sie an den Theilen zugewinnen suchen, und nicht leicht eine collective Handlung schildern,in der nicht jeder Theil für sich betrachtet schön ist.
Diese Regel braucht die Mahlerey nicht. Sondern da bey ihrdie Verbindung der erst einzeln betrachteten Theile so geschwind ge-schehen kann, daß wir wirklich das Ganze auf einmal zu übersehenglauben: so muß sie vielmehr sich eher in den Theilen als in demGanzen vernachlässigen; und cS ist ihr eben so erlaubt als zuträglich,unter diese Theile auch minder schöne und gleichgültige Theile zu men-gen, sobald sie zu der Wirkung des Ganzen etwas beytragen können.
Diese doppelte Regel, nehmlich, daß der Mahler bey Vorstellungcollectiver Handlungen mehr auf die Schönheit des Ganzen; der Dich-ter hingegen mehr darauf sehen muß, daß so viel möglich jeder ein-zelne Theil schön sey, spricht das Urtheil über eine Menge Gemähldedes Künstlers und des Dichters, und kann beyde in der Wahl ihrerVorwürffc sicher leiten.
Z, E> Angelo hätte ihr zufolge kein jüngstes Gericht mahlen sol-len. Nicht zu gedenken, wie viel dieses Gemählde, durch die verjüng-ten Dimensionen von der Seite des Erhabenen verlieren muß; da dasallergrößte noch immer ein jüngstes Gericht eo migvalure- ist: so istcS gar keiner schönen Anordnung fähig, die auf einmal ins Auge fal-len könnte; und die allzu vielen Figuren, so gelehrt und kunstreich aucheine icdc für sich selbst ist, verwirren, und ermüvcn das Auge.
Der sterbende Adonis ist bcv dem Bion ein vortreffliches Ge-mählde. Allein ich zweifle, daß es einer schönen Anordnung unter derHand des Mahlers fähig ist, wenn er, ich will nicht sagen alle, son-dern nur die meisten Züge des Dichters beybehalten will. Die umihn heulenden Hunde, ein so rührender Zug bey dem Dichter, würdenunter den Liebesgöttern und Nvmvhcn, dünkt mich, einen schlechtenEffect thun.
VII.
Den Schranken der bildenden Künste zu Folge, sind alle ihre Fi-guren unbeweglich. Das Leben der Bewegung, welches sie zu habenscheinen, ist der Zusah unserer Einbildung; die Kunst thut nichts alsdaß sie unsere Einbildung in Bewegung seht- — ZeuxiS, crzchlt man,mahlte einen Knaben, welcher Trauben trug, und in diesem war dieKunst der Natur so nahe gekommen, daß die Vögel darnach flogen.Aber dieses machte den Zcuris auf sich selbst unwillig. Ich habe, sagteer, die Trauben besser gemahlt, als den Knaben; denn hätte ich auchLMigs Wett- XI, 1t)