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Zum Laokoon.
ersten Menschen die ersten Töne von sich hören ließen. Ich meine,bey dem Ausdrucke der Leidenschaften. Die kleinen Wörter/ mit wel-chen wir unsere Verwunderung, unsere Freude, unsern Schmerz aus-drücken, mit einem Worte die JntcrjcctioncS, sind in allen Sprachenziemlich einerley und verdiene» daher als natürliche Zeichen betrachtetzu werden. Ein großer Reichthum an dergleichen Partikeln ist daherallerdings eine Vollkommenheit einer Sprache, und ob ich schon weis,welchen Mißbrauch elende Köpfe davon machen können, so bin ich dochauch gar nicht mit der frostigen Anständigkeit zufrieden, welche sie bey-nahe gänzlich verbannen will. Man sehe, mit welcher Mannigfaltigkeitund Menge von Jntcrjcctioncn Philoktct bey dem Sophokles seine»Schmerz ausdrückt. Ein Uebersetzer in neuere Sprachen muß sehr ver-legen seyn, was er dafür substituiren soll.
Die Poesie bedient sich ferner nicht bloß einzelner Wörter, sonderndieser Wörter in einer gewissen Folge. Wenn also auch schon nichtdie Wörter natürliche Zeichen sind, so kann doch ihre Folge die Krafteines natürlichen Zeichens haben. Wenn nehmlich alle die Worte voll-kommen so auf einander folgen, als die Dinge selbst welche sie aus-drücken. Dieses ist ein anderer poetischer Kunstgriff, der noch nie ge-hörig berührt worden und eine eigene Erläuterung durch Exempelverdienet.
DaS Bisherige erweiset, daß cS der Poesie nicht ganz und garan natürlichen Zeichen mangelt. Sie hat aber auch ein Mittel, ihrewillkürlichen Zeichen zu dem Werthe der natürlichen zu erheben,nehmlich die Metapher. Da nehmlich die Kraft der natürlichen Zei'chcn in ihrer Achnlichkcit mit den Dingen besieht, so führet sie ansiattdieser Aehnlichkeit, welche sie nicht hat, eine andre Acbnlichkeit ein,welche das bezeichnete Ding mit einem andcr» hat, dessen Begriff leich-ter und lebhafter erneuert werden kann.
Zn diesem Gebrauche der Metaphern gehören auch die Gleichnisse.Denn das Glcichniß ist im Grunde nichts als eine ausgemahlte Me-tapher, oder die Metapher nichts als ein zusammengezogenes Glcichniß.
Die Unmöglichkeit, in der sich die Mahlere« befindet, sich diese»Mittels zu bedienen, giebt der Poesie einen großen Vorzug, indemsie sonach eine Art von Zeichen hat, welche die Kraft der natürlichenhaben, nur daß sie diese Zeichen selbst hinwiederum durch willkührlicheausdrücken muß.
Nicht jeder Gebrauch der willkührlichen auf einander folgendenhörbaren Zeichen ist Poesie. Warum soll jeder Gebrauch natürlicher