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11 (1839)
Entstehung
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157
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Zum Laokoon.

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nebe» einander stehender sichtbarer Zeichen Mahlerey ftp», in so fernMahlerey für die Schwester der Poesie angenommen wird?

So gut cS von jenen einen Gebrauch giebt/ der nicht eigentlichauf die Tcuschung gehet, durch den man mehr zu belehren, als zuvergnügen, mehr sich verständlich zu machen, als mit sich fortzureißensucht; das ist, so gut die Sprache ihre Prosa hat: so gut muß auchdie Mahlerey dergleichen haben.

Es giebt also poetische und prosaische Mahler.

Prosaische Mahler sind diejenigen, welche die Dinge, die sie nach-ahmen wollen, nicht dem Wesen ihrer Zeichen anmessen.

1. Ihre Zeichen sind neben einander stehend, welche folglich Dinge,die auf einander folgen, damit vorstellen.

2. Ihre Zeichen sind natürlich; welche folglich sie mit willkührlichcnvermischen, die Allegoristcn.

3. Ihre Zeichen sind sichtbar; welche folglich nicht durch das Sichtbaredas Sichtbare, sondern das Hörbare oder Gegenstände anderer Sinnevorstellen wollen, Erläuterung: il«z ein-->Ze<t klulioi-m vom Hogarth .

Die Mahlerey, sagt man, bedienet sich natürlicher Zeichen. Die-ses ist überhaupt zu reden wahr. Nur muß man sich nicht vorstellen,daß sie sich gar keiner willkührlichcn Zeichen bediene; wovon an einemandern Orte.

Und hicrnächst lasse man sich belehren, daß selbst ihre natürlichenZeichen, unter gewissen Umständen, es völlig zu seyn aufhören können.

Ach meine nehmlich so: unter diesen natürlichen Zeichen sind dievornehmsten, Linien, nnd aus diesen zusammengesetzte Figuren. Nunist es aber nicht genug, daß diese Linien nnter sich eben das Verhält-niß haben, welches sie in der Natur haben; eine jede derselben mußauch die nehmliche und nicht bloß verjüngte Dimension haben, die siein der Natur hat, oder in demjenigen Gesichtspunkte haben würde,aus welchem das Gemählde betrachtet werden soll.

Derjenige Mahler also, welcher sich vollkommncr natürlicher Zei-chen bedienen will, muß in Lebensgröße, oder wenigstens nicht merk-lich unter Lebensgröße mahlen. Derjenige welcher zu weit unter diesemMaaße bleibt, der Vcrfertigcr kleiner Cabinctstücke, der Miniaturmab-lcr, kann zwar im Grunde eben derselbe große Künstler seyn; nur mußer nicht verlangen, daß seine Werke eben die Wahrheit haben, eben dieWirkung thun sollen, welche jene Werke haben und thun.

Eine menschliche Figur von einer Spanne, von einem Zolle, istzwar das Bild eines Menschen; aber es ist doch schon gcwisscrmaaßcn