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Der Mangel eines bestimmten und bekannten Maaßes kann auchin historischen, und nicht bloß in Landschaststückcn von übler Wirkungseyn. „Die dichterische Erfindung, sagt der Herr von Hagedorn,*„sobald sie der bloßen Einbildungskraft überlassen ist, leidet Zwerge„und Riesen bcvsammcn; aber die mahlerische Erfindung oder die Ver^„theilnng ist nicht so gutwillig und biegsam." Er erläutert seine Mei-nung durch ein berühmtes Gemählde des Alterthums, den schlafendenCvclopen deS TimantheS. Dieses Riesen ungeheuere Große auszu-drücken, bat der Künstler dessen Daumen durch darneben gestellte Sa-tvren mit einem ThyrsuS auSmesscn lassen. Er findet den Einfall sinn-reich, aber in einer mahlerischen Zusammcnschnng sowohl mit denersten Begriffen vom Gruppircn und unsern ihigen Ideen vom Hell-dunkeln streitend/ als auch dem ungezwungenen Gleichgewichte deS Ge-mähldes nachtheilig. Man kann es dem Herrn von Hagedorn auf seinWort glauben, daß dieser Gegenstand alle die bemerkten Unbequemlich-keiten hat. Allein cS sind diese- nur Unbequemlichkeiten für das Augedes verwöhnten Kenners: ich füge aus dem, was ich von den Dimen-sionen gesagt habe, eine andere hinzu, die er für jedes Auge hat, undfür das ungeübtere am meisten.
Wenn mir der Dichter den Riesen und den Zwerg nennet, so weisich es aus den Worten, daß er die zwey Ertrema meinet, zu welchendie menschliche Gestalt von ihrer gewöhnlichen Große abweichen kann.Allein wenn der Mahler eine große und eine kleine Figur verbindet,woher weis ich, daß eS jene Ertrema scvn sollen? Ich kann wcchscls-wcise sowohl die kleine als die große für die Figur von der gewöhnli-chen Größe annehmen. Nehme ich die kleine dafür an, so ist diegroße ein ColossuS; nehme ich die große dafür an, so wird die kleineein Lilliputer. Ich kann mir in diesem Falle noch eine größere undin jenem noch eine kleinere gedenken. ES bleibt also unentschieden,ob der Mahler einen Zwerg oder einen Riesen, oder ob er bcvdeS vor-stellen wollen.
Julius RomanuS ist eS nicht allein, welcher den Einfall des Ti-mantheS nachgeahmt hat"; auch Francis Floris hat ihn in seinemHerkules unter den Pvgmäen, gebraucht, in einer Zeichnung, die H.Cock 1S03 gestochen hat. Ich zweifle aber, ob sehr glücklich. Da ernehmlich die Pygmäen nicht als verwachsene und bucklichtc Zwerge,sondern als in allen ihren Verhältnissen wohlgcwachseiic kleine Mcn-
" Bon der Mahlerey S. 409.
" Iticlii»rlll»il rrntt au lil I-emtt»«.>, I. p> 3t.