Neue Hypothese über die Evangelisten.
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ren gehabt hätte? daß der erste, welcher dergleichen aufzusetzen sich ent-schloß, nach so geraumer Zeit/ sich hingcsezt, aus seinem oder Andererbloßem Gedächtnisse zu schreiben? daß er nichts vor sich gehabt, wo-durch er sich rechtfertigen können, wenn er wegen dieses oder jenesUmstandS in Anspruch genommen wurde? Das ist nicht einmal glaub-lich, wenn er auch inspirirt war. Denn der Inspiration war cr sichnur selbst bewußt: und vermuthlich zuckte man auch damals schon dieAchseln über Leute, die etwas historisches aus Inspiration zu wissenvorgaben.
5- 2».
ES gab also eine altere geschriebene Nachricht von Christo, alsdes Matthäus: und sie blieb nur, während den dreyßig Jahren, inderjenigen Sprache, in welcher allein sie ihre Urheber hatten aufsetzenkönnen. Oder die Sache unbestimmter und doch genauer auszudrücken:sie verblieb in der hebräischen Sprache, oder in dem svrisch-chaldäischenDialekte derselben so lange, als daS Christenthum grdßtcnthcils nurnoch in Palästina, nur noch unter den Juden in Palästina einge-schränkt war.
§. 25.
Erst als das Christenthum auch unter den Heiden verbreitet ward,und so viele, die gar kein Hebräisch, gar keine neuere Mundart dessel-ben verstanden, begierig wurden, nähere Nachricht von der PersonChristi cinzuzichn (welches doch auch nicht ganz in den ersten Jahrender Hcidcnbckchrung mag gewesen sep», indem die ganz ersten bekehrtenHeiden sich mit den mündlichen Nachrichten begnügten, die ihnen einjeder ihrer Apostel gab) fand man nöthig und nützlich zu Befriedi-gung einer so frommen Ncugicrde, sich an jene Nazarenische Quellezu wenden, und Auszüge oder Ucbcrsctzungcn in einer Sprache davonzu mache», die so ziemlich die Sprache der ganzen cultiviertcn Welt war.
H. 2«.
Den ersten dieser Auszüge, die erste dieser Uebersetzungcn, mcvncich nun, machte Matthäus. — Und daS, wie gcsagr Z. 12, ist die Ver-muthung, die man kühnlich unter die historischen Wahrheiten anführendarf, die wir von diesen Dingen überhaupt haben. Denn alles, waswir sowol von der Person des Matthäus, als von seinem Evangcliowissen, oder mit Grunde annehmen können, stimmt mit dieser Vermu-thung nicht allein vollkommen übcreiuz sondern auch sehr vieles wirddurch diese Vermuthung allein erklärt, was noch immer ein Räthselist, so viel Gelehrte sich auch die Köpfe darüber zerbrochen haben.