Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
522
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Ueber die von der Kirche angenommene Meynung, :c.

Was hatte Luther für Rechte, die nicht noch jeder Doktor derTheologie bat? Wenn es jezt keinem Doktor der Theologie erlaubtseyn soll, die Bibel anfs neue so zu übersetze«/ wie er es vor Gott und seinem Gewissen verantworten kann: so war es auch Luther»nicht erlaubt. Ich setze hinzu, so war es Luthern noch wenigererlaubt. Denn Luther, als er die Bibel zu übersehen unternahm,arbeitete eigenmächtig gegen eine von der Kirche angenommeneWahrheit: ncmlich gegen die, daß eS besser sey, wenn die Bibelvon dem gemeinen Manne in seiner Sprache nicht gelesen werde.Den Ungrund dieses von seiner Kirche für wahr angenommenenSatzes mußte er erst erweisen; er mußte die Wahrheit dcS Gegen-satzes erst erfechten; er mußte sie als schon erfochten voraussehen,ehe er sich an seine Ucbersetzung machen konnte. DaS alles brauchtein itziger protestantischer Ucbcrsctzer nicht. Die Hände sind ihmdurch seine Kirche weniger gebunden, die eS sür einen Grundsatzannimmt, daß der gemeine Mann die Bibel in seiner Sprache le-sen dürfe, lesen müsse, nicht gcnung lesen könne. Er thut also et-was, waS ihm niemand streitig macht, daß er eS thun könne: an-statt daß Luther etwas that, wobey eS noch sehr streitig war, ob eres thun dürft. DaS ist ja sonnenklar. Kurz, BabrdtS, odereines andern Jztlebenden Uebersetzung verdammen, heißt der Luthcr-schen Ucbersetzung den Proceß machen; wenn jene auch noch so sehrvon dieser abgehen. Luthers Übersetzung gieng von der damalsangenommenen Ucbersetzung auch ab; und mehr oder weniger, dar-auf kömmt nichts an.Diese Stelle, sagt der Hauptpastor Goze,(°) sey ein bloßes Ge-wäsche. Aber seine Widerlegung dieses Gewäsches? was ist denndie? Ohne Zweifel ein Meisterstück von Präcision, von gesunderLogik und litterarischen Kenntnissen.

DaS wird auS folgender Erörterung näher erhellen, die ich inzwey Abschnitte zu theilen, für gut sindc. Der erste soll die Anti-thesin des Herrn HauptpasiorS überhaupt beleuchten. Der zweytesoll meine Tbesin mit allen den Beweisen unterstützen, die seine Un-wissenheit abzuleugnen sich erdreistet hat. Ich will eine Schrift,die frcvlich nur bestimmt ist, die Blöße eines Mannes auch hier auf-zudecken, wo man seine ganze Stärke vermuthen sollte, so lehrreichzu machen suchen als möglich.

(°) Lcßuigs Schwäche». Zweytes Stück, S. 0S. u. f.