Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
530
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63V Ueber die von der Kirche angenommene Meynung, ic.

Ich. Dieses bärtige Schülcrlcin hat von dem Manne, den eSsich zu seinem Lehrer erbittet, eine wunderliche Idee! Wenn esaber auch möglich wäre, daß ich jene alten Bibelübersetzungen nochnicht angesehen hätte: so dürfte ich von vernünftigen Männern dochleicht Vergebung dcsfallS erhalten; weil ich wohl so viele andre guteBücher dafür angesehen haben könnte. Hingegen würden es mir ver-nünftige Männer weit schwerer vergeben, wenn ich sie wirklich ange-sehen hätte, wenn ich sie so oft und viel angesehen hätte, als derHerr Hauptpastcr wohl mag gethan haben, und ich fähig wäre, ausdem bloßen Anblicke derselben einen so albernen Schluß zu ziehen, alser mir gern zutrauen möchte.

Er.Wie leicht wäre es in den Feiten gewesen, diese Uebcr-setzungen zu unterdrücken, oder den Druck derselben zu hindern?

Ich. DaS beliebt sich der Herr .Hauptpastor nur so einzubilden!Heut zu Tage ist es freylich ganz etwas leichtes, daß die Obrigkeitin die Buchdruckereycn und Buchlädcn schickt, und da etwas mit ge-waltsamer Hand wegnehmen läßt; und das hätte freylich auch in demIZten Jahrhunderte ganz etwas leichtes seyn können, wenn es nurdamals schon auch etwas gerechtes und gesetzmäßiges gewesen wäre.Das Recht und die Befngniß, einem Bürger sein Eigenthum zu neh-men, ob es schon nur papicrnes Eigenthum ist, hatte sich der Pabsterst kurz vor dem völligen Ausbruche der Reformation gegeben; unddie protestantischen Kirchen, besonders die Luthersche, weil diese garzu gerne wieder Pabstthum werden möchte, sind ihm chrisilich darin»gefolgt. Die hohe Landesobrigkeit hilft ihnen treulich alles confisciren,was sie widerlegen sollten: und confiscirt ist widerlegt.

!Lr.Kaun aber Herr Leßing eine Spur angeben, woranS diesesgeschlossen werden könne?

Ich. Dieses? nemlich daß die Kirche jemals gesucht, jene schonvor Luthern gedruckte Uebcrsctzungen der Bibel in gemeine lebendigeSprachen zu unterdrücken? Ganz gewiß kann ich keine solche Spurangeben, Eben so wenig, als mir der Herr Hauptpastor eine Spurangeben kann, daß man überhaupt in dem 16ten Jahrhunderte eingedrucktes Buch wieder aus der Welt zu schassen gesucht habe. Ebenso wenig, als er mir eine Spur angeben kann, daß die Kirche das-jenige genehmiget habe, was sie so da seyn ließ, und aus andernnicht unerheblichen Ursachen weder vernichten konnte noch wollte.

Er.Er sehe doch nur die dort befindlichen Ausgaben der cöll-//Nischen Bibel nach, so wird er in der Vorrede Stellen finden, inwelchen der Verfasser das Lesen der Bibel in der Landessprache ver-