Sogenannte Briefe an den Herrn Doktor Walch. Z71
apostolischer Tradition versteht. Die katholischen Schriftsteller, diemehr darunter begreifen wollen, können aus ihm wenigstens keinenBeweis führen; und hieraus allein können schon Ew. Hochwürdcn ab-nehmen, wie weit ich noch von allein Pabstthum entfernt bin, undwie wenig ich blos den alten Streit über Tradition und Schrift zuerneuern gedenke. Nur kann ich unmöglich vorschlich taub seyn, wennmir das ganze Alterthum einmüthig zuruft, daß unsre Reformatores,unter dem ihnen so verhaßten Namen Tradition, viel zu viel weg-geworfen haben. Sie hätten schlechterdings wenigstens dem, wasJrcnäuS darunter versteht, das nemliche göttliche Ansehen lassenmüssen, was sie so ausschlicßungSweise der Schrift beyzulegen fürgut fanden.
Wenigstens bin ich gewiß versichert, wenn öw. Hochwürden diesenächten ältesten Sinn des WortS Tradition bey dem JrcnäuS erkannthätten, daß Sie eine Stelle desselben minder anstößig würden übersezthaben. Nach Ihnen soll Irenäns unter andern anch sagen: „Wenn„die Apostel keine Schriften hinterlassen hätten, denn müßte man„dem mündlichen Unterricht folgen, welchen sie denjenigen ertheilt, die„sie zu Vorstehern der Kirche verordnet." — Nur alsdcnn? Es thutmir leid, daß, wenn ein strenger Katholik dieses für partheyische Ent-kräftung, wo nicht gar für eigentliche Verfälschung erklärte, ich eigent-lich nicht wüßte, was ich darauf antworten sollte. Nur alsdcnn?Also, da nnn aber die Apostel Schriften hinterlassen, ist es gar nichtmehr nöthig, sich um Tradition zu bekümmern? Und das wäre diewahre Meynung des Irenäns? Nimmcrmchr; nnd Ew. Hochwürdcnhätten ihm schlechterdings seine Frage hier lassen müssen. <)uick au-kem, ü noiTuo ^riottoli czuiilem loi'ij>luii>s reliliuiu"ent, norme ojwr.teliak oru'inem leciui 'IVaiülioms? Denn nur aus der Frage erhellet,daß Irenäns den Nutzen der Tradition, den man in dem angenom-menen Falle doch wohl für ganz unwidcrsprcchlich erkennen müßte,auch ausser diesem Falle erkennt. Bleibt hingegen die Frage weg: soscheint dieses so nicht, welches im Zusammenhange mit dem, wasvorhergeht, noch merklicher auffällt. Den» kurz, aus dem Vorhcrgc-hcnden isi klar, daß JrenänS schlechterdings von keiner Trennung derTradition und Schrift weiß; sondern ihm vielmehr Schrift so gut alskeine Schrift ist, wenn sie nicht nach der Tradition verstanden wird.Und was ist darin» auch Anstößiges für einen Lutheraner; so baldwir wissen, daß er unter Tradition nichts anders versteht als dasGlaubcnS-Bckcuntniß, von welchem wir ja selbst drey verschiedeneFormeln unsern symbolischen Büchern vorgcsczt haben?