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Hambnrgischc Tr.nnatiirgie,
ändert Zeugnisse des Alterthums gelten. Und so nach hättenwir es auch hier, nur mit dem Alterthume zu thun.
Sehr wohl; das ganze Alterthum hat Gespenster geglaubt.Die dramatische» Dichter des Alterthums hatten also Recht, die-sen Glauben zu nutzen; wenn wir bey einem von ihnen wieder-kommende Todte aufgeführet finden, so wäre es unbillig, ihmnach unsern bessern Einsichten den Proceß zu machen. Aber hatdarum der neue, diese unsere bessere Einsichten theilende drama-tische Dichter, die nehmliche Bcfugniß? Gewiß nicht. — Aberwenn er seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurück-legt? Auch alsdcnn nicht. Denn der dramatische Dichter istkein Geschichtschreiber; er crzchlt nicht, was man ehedem geglaubt,daß es geschehen, sondern er läßt es vor unsern Augen noch-mals geschehen; und läßt es nochmals geschehen, nicht der blo-ßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz andernund höhcrn Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck,sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen,und durch die Täuschung rühren. Wenn es als» wahr ist, daßwir itzt keine Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglau-bcn die Täuschung nothwendig verhindern müßte; wenn ohneTäuschung wir unmöglich sympathisiren können: so handelt itztder dramatische Dichter wider sich selbst, wenn er uns dem ohn-gcachtct solche unglaubliche Mährchen ausstafstrct; alle Kunst,die er dabey anwendet, ist verloren.
Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespensterund Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist dieseQuelle des Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet?Nein; dieser Verlust wäre für die Poesie zu groß; und hat sienicht Beyspiele für sich, wo das Genie aller unserer Philosophietrotzet, und Dinge, die der kalten Vernunft sehr spöttisch vor-kommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich zu machen weiß?Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung wirdnur falsch seyn. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wersagt das? Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel:wir sind endlich in unsern Einsichten so weit gekommen, daßwir die Unmöglichkeit davon erweisen können; gewisse unumstöß-liche Wahrheiten, die mit dem Glauben an Gespenster im Wi-