Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
80
Einzelbild herunterladen
 

80

Hambnrgische Dramaturgie.

Marivaur hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für dieTheater in Paris gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Zahrc4712, nnd sein Tod erfolgte 17<<3, in cincin Alter von zweyund siebzig. Die Zahl seiner Lustspiele belauft sich auf einigedreyßig, wovon mehr als zwey Drittheilc den Harlekin haben,weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter diesegehören auch die falschen Vertraulichkeiten, die 17t>3 zuerst, ohnebesondern Beyfall, gcspiclct, zwey Jahre darauf aber wiederhervorgcsucht wurden, und desto großem erhielten.

Seine Stücke, so reich sie auch an mannichfaltigcn Charak-teren und Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehrähnlich. In allen der nehmliche schimmernde, und öfters allzu-gcsuchtc Witz; in allen die nehmliche metaphysische Zergliederungder Leidenschaften; in allen die nehmliche blumenreiche, ncolo-gische Sprache. Seine Plane sind nur von einem sehr geringenUmfange; aber, als ein wahrer Kallipidcs seiner Kunst, weißer den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner, unddoch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir amEnde einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu ha-ben glauben.

Seitdem die Ncubcrinn, luli ^ufpiciis Sr. Magnificenz,des Herrn Prof. Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihremTheater verbannte, haben alle deutsche Bühnen, denen darangelegen war, regelmäßig zu hcisscn, dieser Verbannung bcyzutrc-tcn geschienen. Zch sage, geschienen; denn im Grunde hattensie nur das bunte Jäckchen nnd den Namen abgcschaft, aberden Narren behalten. Die Neuberinn selbst spielte eine MengeStücke, in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Har-lekin hieß bey ihr Hämischen, und war ganz weiß, anstattschcckigt, gekleidet. Wahrlich, ein großer Triumph für den gu-ten Geschmack'.

Auch die falschen Vertraulichkeiten haben einen Harlekin, derin der deutschen Ucbcrsetzung zu einem Peter geworden. DieNcubcrinn ist todt, Gottsched ist auch todt: ich dächte, wir zö-gen ihm das Jäckchen wieder an. Zm Ernste; wenn er un-ter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht auch unter sei-nem?Er ist ein ausländisches Geschöpf;" sagt man. Was