(5rsicr Band.
8-1
Nun hat cs Aristoteles längst entschieden, wie weit sich dertragische Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern babc;nicht weiter, als sie einer wohlcingcrichtctcn Fabel ähnlich ist,mit der er seine Absichten verbinden kann. Er braucbt eine Ge-schichte nicht darum, weil sie geschehen ist, sondern darum, weilsie so geschehen ist, daß er sie schwerlich zu seinem gegenwärti-gen Zwecke besser erdichten konnte. Findet er diese Schicklich-kcit von ohngcfchr an einem wahren Falle, so ist ihm der wahreFall willkommen; aber die Geschichtlicher erst lange darum nach-zuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn,was geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß clwas ge-schehen kann, nur daher abnehmen wollen, weil cs geschehen ist:was hindert uns, eine gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklichgeschehene Historie zn halten, von der wir nie etwas gehörtbabcn? Was ist das erste, waS uns eine Historie glaubwürdigmacht? Zst cs nicht ihre innere Wahrscheinlichkeit? Und ist csnicht cincrlcy, ob dicsc Wahrscheinlichkeit von gar keinen Zeug-nissen und Ueberlieferungen bestätiget wird, oder von solchen,dic zu unscrcr Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohneGrund angenommen, daß cs cinc Bestimmung des Theatersmit sey, das Andenken großer Männer zu erhalten; dafür istdic Geschichte"', aber nicht das Thcatcr. Auf dcm Thcatcr sol-lc» wir nicht lcrncn, was dicscr oder jener einzelne Mensch ge-than hat, sondern was ein jeder Mensch von einem gewissenCharakter unter gewissen gegebenen Umständen thun werde. DicAbsicht dcr Tragödie ist weit philosophischer, als dic Absichtdcr Geschichte; und cs heißt sie von ihrer wahren Würde her-absetzen, wenn man sie zu cincm bloßen Pancgyrikus berühm-ter Männer macht, oder sie gar den Nationalstolz zu nährenmißbraucht.
Dic zwcytc Erinncrung dcs nchmlichcn französischcn Kunst-richtcrs gcgcn die Zclmirc des Du Bclloy, ist wichtiger. Ertadelt, daß sie fast nichts als ein Gewebe mannichfaltigcr wun-derbarer Zufälle sey, die in dcn cngcn Naum von vicr undzwanzig Stunden zusammcngcprcßt, aller Zltusiou unfähig wür-den. Eine seltsam ausgesparte Situation über dic andere! einThcatcrsrrcich über den andern! Was geschieht nicht alles! was