Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
95
Einzelbild herunterladen
 

Erflcr Band.

!',',

Destonchcs entlehnet seyn! Entlehnet? Das kömmt ans denschönen Titeln. Was für ein Eigenthnmsrccht erhält ein Dich-ter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titeldavon hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebrauchthätte, so würde ich ihn wiederum stillschweigend brauchen dür-fen, und niemand würde mich darüber zum Nachahmer machen.Aber so wage es einer einmal, und mache z. E. einen neuenMisanthropen. Wann er auch keinen Zug von dem Molicr-schcn nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eineCopie hcisscn. Genug, daß Moliere den Namen zuerst gebrauchthat. Jener hat unrecht, daß er fünfzig Jahr später lebet; unddaß die Sprache für die unendlichen Varietäten des menschlichenGemüths nicht auch unendliche Benennungen hat.

Wenn der Titel Nanine nichts sagt; so sagt der andere Titeldesto mehr: Nanine, oder das besiegte Norurthcil. Und warumsoll ein Stück nicht zwey Titel haben? Haben wir Menschendoch auch zwei?, drey Namen. Die Namen sind der Unterschei-dung wegen; und mit zwey Namen ist die Verwechselung schwe-rer, als mit einem. Wegen des zweyten Titels scheinet der Herrvon Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu seyn. Z»der nehmlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte,das besiegte Vorurtheil; und auf dem andern, der Mann ohneNorurthcil. Doch beides ist nicht weit aus einander. Es istvon dem Vorurthcile, daß zu einer vernünftigen Ehe die Gleich-heit der Geburt und des Standes erforderlich sey, die Rede.Kurz, die Geschichte der Nanine ist die Geschichte der Pamcla.Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den Namen Pa-mcla nicht brauchen, weil schon einige Zahre vorher ein PaarStücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben keingroßes Glück gemacht hatten. Die Pamela des Boissy und desDe la Chaussee sind auch ziemlich kahle Stücke; und Voltairebrauchte eben nicht Voltaire zu seyn, etwas weit Bessereszu machen.

Nanine gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aberauch sehr viel lächerliche Scenen, und nur in so fern, als dielächerlichen Scenen mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet wissen. Eine ganz ernsthafte