Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
121
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erster Band.

zweyten Satz zwischen den Akten, ist aus dem Vortheile desDichters hergenommen; nnd er wird durch einen andern, dersich ans den Schranken der Musik crgiebt, bestärkt. Denn ge-setzt, daß die Leidenschaften, welche in zwey auf einander fol-genden Akten herrschen, einander ganz entgegen wären, so wür-dcn nothwendig auch die beiden Sätze von eben so widrigerBeschaffenheit seyn müssen. Nun begreife ich sehr wohl, wieuns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr entge-genstehenden, zu ihrem völligen Widcrspiclc, ohne unangenehmeGewaltsamkeit, bringen kann; er thut es nach und nach, ge-mach und gemach; er steiget die ganze Leiter von Sprosse zuSprosse, entweder hinauf oder hinab, ohne irgendwo den gering-sten Sprung zu thun. Aber kann dieses auch der Musikus? Essey, daß er es in Einem Stücke, von der erforderlichen Länge,eben so wohl thun könne; aber in zwey besondern, von einan-der gänzlich abgesetzten Stücken, muß der Sprung, z. E. ausdem Ruhigen in das Stürmische, aus dem Zärtlichen in dasGrausame, nothwendig sehr merklich seyn, und alle das Belei-digende haben, was in der Natur jeder plötzliche Ucbergang auseinem Acußerstcn in das andere, aus der Finsterniß in dasLicht, aus der Kälte in die Hitze, zu haben pflegt. Ztzt zer-schmelzen wir in Wchmuth, und auf einmal sollen wir rasen.Wie? warum? wider wen? wider eben den, für den unsereSeele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider einen andern?Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in Un-gewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtigeFolge unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden, wieim Traume; und alle diese unordentliche Empfindungen sindmehr abmattend, als ergötzend. Die Poesie hingegen läßt unsden Faden unserer Empfindungen nie verlieren; hier wissen wirnicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch, warumwir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die plötz-lichsten Ucbcrgänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm.Zn der That ist diese Motivirung der plötzlichen Ucbcrgängeeiner dcr größten Vortheile, den die Musik aus der Vereinigungmit dcr Poesie ziehet; ja vielleicht dcr allergrößte. Denn esist bey wcitcm nicht so nothwendig, die allgemeinen unbcstimm-