Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
138
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Hamburgische Dramaturgie.

söhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret,die nehmliche Beleidigung zu seyn, und immer wächset, je län-ger sie dauert: so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen,die sie spat oder früh, immer mit gleichem Grimme, vollziehenwird. Gerade so ist die Rache der Cleopatra beym Corneille;und die Mißhclligkeit, in der diese Rache also mit ihrem Cha-rakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend seyn.Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre undUnabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seelebetrachten, die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihrtückischer Groll; ihre hämische Rachsucht gegen eine Person, vonder ihr weiter nichts zu befürchten stehet, die sie in ihrer Ge-walt hat, der sie, bey dem geringsten Funken von Edclmuthe,vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem sie nicht allein selbstVerbrechen begeht, mit dem sie auch andern die unsinnigsten soplump und geradehin zumuthct: machen sie uns wiederum soklein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben.Endlich muß diese Verachtung nothwendig jene Bewunderungaufzehren, und es bleibt in der ganzen Cleopatra nichts übrig,als ei» häßliches abscheuliches Weib, das immer sprudelt undraset, und die erste Stelle im Tollhausc verdienet.

Aber nicht genug, daß Cleopatra sich au Rodoguncn rächet:der Dichter will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weisethun soll. Wie fängt er dieses an? Wenn Cleopatra selbst Ro-doguncn aus dem Wege schaft, so ist das Ding viel zu natür-lich: denn was ist natürlicher, als seine Feindinn hinzurichten?Gicngc es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberinn in ihr hin-gerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtetwürde? Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogunemit dem Dcmctrius noch nicht völlig vermählet gewesen; laßt unserdichten, daß nach seinem Tode sich die beiden Söhne in dieBraut des Vaters verliebt haben; laßt uns erdichten, daß diebeiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der Thron ge-höret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten,welcher von ihnen der älteste sey; laßt uns erdichten, daß sichendlich die Mutter entschlossen, dieses Geheimniß zu entdecken,oder vielmehr nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt den-