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Hamburgische Dramaturgie.
schlagen beide die Mutter todt, und wollen beide das Mädchenhaben: und so kann es wiederum nicht auswerdcn. Aber wennsie beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine nochdie andere todt schlagen; so stehen sie beide hübsch und sperrendas Maul auf, und wissen nicht, was sie thun sollen: und dasist eben die Schönheit davon. Freylich wird das Stück dadurchein sehr sonderbares Ansehen bekommen, daß die Weiber darinnärger als rasende Männer, und die Männer weibischer als diearmseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehrist dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegentheilist so gewöhnlich, so abgedroschen! —
Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet,dergleichen Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht,ich möchte es auch schwerlich jemals versuchen. Aber das weißich, daß es einem sehr sauer wird, dergleichen Erdichtungenzu verdauen.
Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht diemindeste Spur in der Geschichte davon zu finden. Diese Bc-dcnklichkeit hätte sich Corneille immer ersparen können. „Viel-leicht, sagt er, dürfte man zweifeln, ob sich die Freyheit derPoesie so weit erstrecket, daß sie unter bekannten Namen eineganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es hier gemacht habe,wo nach der Erzchlung im ersten Akte, welche die Grundlagedes Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht dasgeringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte.Doch, fährt er fort, mich dünkt, wenn wir nur das Resultateiner Geschichte beybehalten, so sind alle vorläufige Umstände,alle Einleitungen zu diesem Resultate in unserer Gewalt. We-nigstens wüßte ich mich keiner Regel dawider zu erinnern, unddie Ausübung der Alten ist völlig auf meiner Seite. Dennman vergleiche nur einmal die Elektra des Sophokles mit derElcktra des Euripidcs, und sehe, ob sie mehr mit einander ge-mein haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen inden Bcgegnisscn ihrer Heldinn, zu welchen jeder auf einem be-sondern Wege, durch ihm eigenthümliche Mittel gelanget, sodaß wenigstens eine davon nothwendig ganz und gar die Er-findung ihres Verfassers seyn muß. Oder man werfe nur die