Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
141
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erster Band.

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Augen auf die Zphigenia in Taurika, die lins Aristoteles zumMuster einer vollkommenen Tragödie giebt, und die doch sehrdarnach aussieht, daß sie weiter nichts als eine Erdichtung ist,indem sie sich bloß auf das Vorgeben gründet, daß Diana dieZphigenia in einer Wolke von dem Altare, auf welchem siegeopfert werden sollte, entrückt, und ein Reh an ihrer Stelleuntergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die Helena desEuripidcs bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung,als die Episoden, sowohl der Knoten, als die Auflösung, gänzlicherdichtet sind, und aus der Historie nichts als die Namen haben."

Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständennach Gutdünken verfahren. Er dürfte, z. E. Rodogunen sojung annehmen, als er wollte; und Voltaire hat sehr Unrecht,wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte nachrechnet, daßRodogune so jung nicht könne gewesen seyn; sie habe den Dc-mctrius gcheyrathet, als die beiden Prinzen, die itzt doch we-nigstens zwanzig Zahre haben müßten, noch in ihrer Kindheitgewesen wären. Was geht das dem Dichter an? Seine Ro-dogune hat den Dcmctrius gar nicht gcheyrathet; sie war sehrjung, als sie der Vater hcyrathcn wollte, und nicht viel älter,als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit seinerhistorischen Controlle ganz unleidlich. Wenn er doch lieberdie Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür vcrisi-ciren wollte!

Zwey und drcyßigstes Stück.Den 18ten August, 1767.

Mit den Beyspielen der Alten hätte Corneille noch weiterzurück gehen können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödiein Griechenland wirklich zur Erneuerung des Andenkens großerund sonderbarer Begebenheiten erfunden worden; daß ihre ersteBestimmung also gewesen, genau in die Fußtapscn der Geschichtezu treten, und weder zur Rechten noch zur Linken auszuweichen.Aber sie irren sich. Denn schon Thcspis ließ sich um die histo-rische Richtigkeit ganz unbekümmert. (°) Es ist wahr, er zog

(°) vioxenes Laerlius I^Iir. l. 8- S9.