Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
143
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erster Band.

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anders, als geschehen müssen. Unzufrieden, ihre Möglichkeit blosaus die historische Glaubwürdigkeit zu gründen, wird er suchen,die Charaktere seiner Personen so anzulegen; wird er suchen, dieVorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen, so noth-wendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird ersuchen, die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genauabzumessen; wird er suchen, diese Leidenschaften durch so all-mälichc Stuffcn durchzuführen: daß wir überall nichts als dennatürlichsten, ordentlichsten Verlaus wahrnehme»; daß wir beyjedem Schritte, den er seine Personen thun läßt, bekennen müs-sen, wir würden ihn, in dem nehmlichen Grade der Leidenschaft,bey der nehmlichen Lage der Sachen, selbst gethan haben; daßuns nichts dabey befremdet, als die unmcrkliche Annäherung ei-nes Zieles, vor dem unsere Vorstellungen zurückbeben, und andem wir uns endlich, voll des innigsten Mitleids gegen die,welche ein so fataler Strom dahin reißt, und voll Schreckenüber das Bewußtseyn befinden, auch uns könne ein ähnlicherStrom dahin rcissen, Dinge zu begehen, die wir bey kaltemGeblüte noch so weit von uns entfernt zu seyn glauben.Und schlägt der Dichter diesen Weg ein, sagt ihm sein Genie,daß er darauf nicht schimpflich ermatten werde: so ist mit einsauch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden; es beküm-mert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällenfünf Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alleden Stoff nicht fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitungaus sich selbst immer mehr und mehr vergrößert, wenn er ein-mal der verborgnen Organisation desselben auf die Spur gekom-men, und sie zu entwickeln verstehet.

Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet,der weiter nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifi-kateur ist, dem, sage ich, wird die Unwahrschcinlichkcit seinesNorwurfs so wenig anstößig seyn, daß er vielmehr eben hicrinndas Wunderbare desselben zu finden vermeinet, welches er aufkeine Weise vermindern dürfe, wenn er sich nicht selbst dessichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid zu er-regen. Denn er weiß so wenig, worinn eigentlich dieses Schreckenund dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervor zu brin-