Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
144
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144 Hamburgische Dramaturgie.

gen, nicht sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheureDinge genug häufen zu können glaubt, und um dieses zu er-wecken, nur immer seine Zuflucht zu den ausscrordcntlichsten,gräßlichsten Unglücksfällcn und Frcvclrhatcn, nehmen zu müssenvermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Cleopatra,eine Mörderinn ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgejagt, sosieht er, um eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabeyzu thun, als die Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen,und sie mit Dingen auszufüllen, die wenigstens eben so befrem-dend sind, als diese Verbrechen selbst. Alles dieses, seine Er-findungen und die historischen Materialien, knätet er denn ineinen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman zusammen;und wenn er es so gut zusammen gcknätct hat, als sich nurimmer Hcckscl und Mehl zusammen knätcn lassen: so bringt erseinen Teig auf das Dratgcrippe von Akten und Scenen, läßtcrzehlen und erzehlcn, läßt rasen und reimen, und in vier,sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter oder saurerankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel,wird gedruckt und aufgeführt, gelesen und angeschen,bewundert oder ausgepfiffcn, beybehalten oder vergessen,so wie cS das liebe Glück will. Denn 6: ksdent lua ü»ta liiielli.

Darf ich cs wagen, die Anwendung hiervon auf den großenCorneille zu machen? Oder brauche ich sie noch lange zu ma-chen? Nach dem gchcimnißvollcn Schicksale, welches dieSchriften so gut als die Menschen haben, ist seine Rodogune,nun länger als hundert Zahr, als das größte Meisterstück desgrößten tragischen Dichters, von ganz Frankreich , und gelegent-lich mit von ganz Europa , bewundert worden. Kann eine hun-dertjährige Bewunderung wohl ohne Grund seyn? Wo habendie Menschen so lange ihre Augen, ihre Empfindung gehabt?War cs von lllZ44 bis 17l,7 allein dem hamburgischen Dra-maturgistcn aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen, undein Gestirn auf ein Meteor herabzusetzen?

O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal einchrlichcr Hurone in der Bastillc zu Paris ; dem ward die Zeitlang, ob er schon in Paris war; und vor langer Weile studierteer die französischen Poeten; diesem Huroncn wollte die Rodogune