Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
148
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Hanibnrgischt Dramaturgie,

lichen Frage an sich selbst schlicsscn: wie ist es möglich, daß einekleine aufgestülpte Nase die Gesetze eines Reiches umsiosscn kön-nen? Man sollte also fast glauben, daß er blos diese Bemer-kung, dieses anscheinende Mißverhältnis; zwischen Ursache undWirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehrewäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vor-rede selbst, daß er eine ganz andere und weit speciellere dabeyzur Absicht gehabt.Ich nahm mir vor, sagt er, die Thor-heit derjenigen zu zeigen, welche ein Frauenzimmer durch Anse-hen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen wollen; ich wählte alsozum Beyspiele einen Sultan und eine Sklavinn, als die zweyExtrcma der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontclmuß sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausar-beitung vergessen haben, sast nichts zielet dahin ab; nian siehtnicht den geringsten Versuch einiger Gewaktsamkcit von Seitendes Sultans; er ist gleich bey den ersten Insolenzen, die ihmdie galante Französinn sagt, der zurückhaltendste, nachgcbendste,gefälligste, folgsamste, untcrthänigstc Mann, la meillourv p-Uoäe mari, als kaum in Frankreich zu finden seyn würde. Alsomir gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in dieserErzchlung des Marmontcl, oder es ist die, auf welche ich, obenbey dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn eralle Blumen durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen.

Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichterist es gleich viel, ob sich ans seiner Fabel eine allgemeine Wahr-heit folgern läßt oder nicht; und also war die Erzchlung desMarmontcl darum nichts mehr und nichts weniger geschickt, aufdas Thcatcr gebracht zu werden. Das that Favart, und sehrglücklich. Ich rathe allen, die unter uns das Theater ausähnlichen Erzchlungcn bereichern wollen, die Favartschc Aus-führung mit dcm Marmontclschcn Urstoffc zusammen zu hal-ten. Wenn sie die Gabe zu abstrahiren haben, so werden ih-nen die geringsten Veränderungen, die dieser gelitten, und zumTheil leiden müssen, lehrreich seyn, und ihrc Empfindung wirdsic auf manchcn Handgriff lcitcn, der ihrer bloßen Spekulationwohl unentdcckt gcblicbcn wärc, den noch kcin Kritikus zur Rc-gcl gcncralisirct hat, ob cr cs schon verdiente, und der öfters