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H.nnburgische Tr.i»i>Unrgie.
giebt Rorclane daS Tuch, welches der Sultan ihr gegeben, weg;sie scheinet es der Dclia lieber zu gönnen, als sich selbst; siescheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung. Beym Mar-montcl hingegen läßt sich Rorclane das Tuch von dem Sultan geben, und giebt es der Dclia in seinem Namen; sie beugetdamit einer Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nichtanzunehmen Willens ist, und das mit der uneigennützigsten,gutherzigsten Mine: der Sultan kann sich über nichts beschwe-ren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht erräth, oder nichtbesser errathen will.
Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladun-gen das Spiel der Rorclane noch lebhafter zu machen; die An-lage zu Impertinenzen sahe er einmal gemacht, und eine mehroder weniger konnte ihm nichts verschlagen, besonders wenn erdie Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit dieserPerson nehmen wollte. Denn ohngcachtct, daß seine Rorclanenoch unbcdachtsamcrc Streiche macht, noch plumpern Muthwil-lcn treibet, so hat er sie dennoch zu einem bessern und cdlernCharakter zu machen gewußt, als wir in Marmontcls Rorc-lane erkennen. Und wie das? warum das?
Eben auf diese Veränderung wollte ich oben (°) kommen;und mich dünkt, sie ist so glücklich und vorthcilhaft, daß sievon den Franzosen bemerkt und ihrem Urheber angerechnet zuwerden verdient hätte.
Marmontcls Rorclane ist wirklich, was sie scheinet, einkleines närrisches, vcrmcsscncs Ding, dessen Glück es ist, daßder Sultan Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunstversteht, diesen Geschmack durch Hunger immer gieriger zu machen,und ihn nicht eher zu befriedigen, als bis sie ihren Zweck er-reicht hat. Hinter Favarts Rorclane hingegen steckt mehr, siescheinet die kcckc Buhlcrinn mehr gespielt zu haben, als zu seyn,durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe gestellt,als scinc Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sieden Sultan dahin gebracht, wo sie ihn haben will, kaum er-kennt sie, daß seine Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam
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