erster Band. 1K9
es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach demersten oder zweyten Plane behandelt werden müssen? Die Er-mordung der Klytcmncstra müßte eigentlich nach dem zweytenvorgestellet werden; denn Orestes hat sie wissentlich und vorsctz-lich vollzogen: der Dichter aber kann den dritten wählen, weildieser tragischer ist, und der Geschichte doch nicht geradezu wider-spricht. Gut, es sey so: aber z. E. Mcdca, die ihre Kinderermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders einschla-gen, als den zweyten ? Denn sie muß sie umbringen, und siemuß sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichtegleich allgemein bekannt. Was für eine Rangordnung kannalso unter diesen Planen Statt finden? Der in einem Falleder vorzüglichste ist, kömmt in einem andern gar nicht in Be-trachtung. Oder um den Dacicr noch mehr einzutreiben: somache man die Anwendung, nicht auf historische, sondern aufblos erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Kly-tcmncstra wäre von dicscr letztem Art, und es hätte dem Dich-ter frey gestanden, sie vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen,sie mit oder ohne völlige Kenntniß vollziehen zu lassen. Wel-chen Plan hätte er dann wählen müssen, lim eine so viel alsmöglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier sagtselbst: den vierten; denn wenn er ihm den dritten vorziehe, sogeschähe es blos aus Achtung gegen die Geschichte. Den vier-ten also? Den also, welcher sich glücklich schließt? Aber diebesten Tragödien, sagt eben der Aristoteles, der diesem viertenPlane den Vorzug vor allen ertheilet, sind ja die, welche sichunglücklich schliesscn? Und das ist ja eben der Widerspruch, denDacier hcbcn wollte. Hat cr ihn dcnn also gehoben? Bestäti-get hat er ihn vielmehr.
Acht und drcyßigsteö Stück.Den 8tcn September, 17K7.
Zch bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Da-cier keine Genüge leistet. Unsern deutschen Ucbcrsctzcr der Ari-stotelischen Dichtkunst, (°) hat sie eben so wenig befriediget. Er
(°) Herrn Curlius. S. 214,