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Hamburgische Dramaturgie.
chcS der beste Glückswcchscl, welches die beste Erkennung, wel-ches die beste Behandlung des Leidens sey: so findet sich inAnsehung des erster», daß derjenige Gluckswechscl der beste,das ist, der fähigste, Schrecken lind Mitleid zu erwecken undzu befördern, sey, welcher aus dem Bessern in das Schlimmeregeschieht; und in Ansehung der letztem, daß diejenige Behand-lung des Leidens die beste in dem nehmlichen Verstände sey,wenn die Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, ein-ander nicht kennen, aber in eben dem Augenblicke, da diesesLeiden zur Wirklichkeit gelangen soll, einander kennen lernen,so daß es dadurch unterbleibt.
Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, woman die Gedanken haben muß, wenn man hier den geringstenWiderspruch findet. Der Philosoph redet von verschiedenen Thei-len: warum soll denn das, was er von diesem Theile behaup-tet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die möglichsteVollkommenheit des einen, nothwendig auch die Vollkommen-heit des andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Theilsauch die Vollkommenheit des Ganzen? Wenn der Glückswcch-sel und das, was Aristoteles unter dem Worte Leiden be-greift, zwey verschiedene Dinge sind, wie sie es sind, warumsoll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen?Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Theile von entgegengesetzten Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles , daßdie beste Tragödie nichts als die Vorstellung einer Veränderungdes Glückes in Unglück sey? Oder, wo sagt er, daß die besteTragödie auf nichts, als auf die Erkennung dessen, hinauslau-fen müsse, an dem eine grausam widernatürliche That verübetwerden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere vonder Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondernTheile derselben, welcher dem Ende mehr oder weniger naheliegen, welcher auf den andern mehr oder weniger Einfluß, undauch wohl gar keinen, haben kann. Der Glückswcchscl kannsich mitten in dem Stücke cräugncn, und wenn er schon bisan das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst, das Ende:so ist z. E. der Glückswcchscl im Oedip, dcr sich bcrcits zumSchlüsse des vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherley