erster Band.
173
Leiden hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das
Stück schliesset. Gleichfalls kann das Leiden mitten in demStücke zur Vollziehung gelangen sollen, und in dem nehmlichenAugenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so daßdurch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist;wie in der zweyten Zphigenia des Euripidcs, wo Orestes , auchschon in dem vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn auf-zuopfern im Begriffe ist, erkannt wird. Und wie vollkommenwohl jener tragischste Glückswcchscl mit der tragischsten Behand-lung des Leidens sich in einer und eben derselben Fabel verbin-den lasse, kann man an der Mcropc selbst zeigen. Sie hat dieletztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch die erstere ha-ben könnte, wenn nehmlich Mcrope, nachdem sie ihren Sohnunter dem Dolche erkannt, durch ihre Beeifcrung, ihn nunmehrauch wider den Polyphont zu schützen, entweder ihr eigenes oderdieses geliebten Sohnes Verderben beförderte? Warum könntesich dieses Stück nicht eben sowohl mit dem Untergänge derMutter, als des Tyrannen schlicsscn? Warum sollte es einemDichter nicht frey stehen können, um unser Mitleiden gegeneine so zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durchihre Zärtlichkeit selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warumsollte es ihm nicht erlaubt seyn, den Sohn, den er der from-men Rache seiner Mutter entrissen, gleichwohl den Nachstellun-gen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde eine solcheMcrope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden Eigenschaftendes besten Trauerspiels verbinden, die man bey dem Kunstlich-ter so widersprechend findet?
Ich merke wohl, was das Mißverständnis; veranlasset habenkann. Man hat sich einen Glückswcchscl aus dem Bessern indas Schlimmere nicht ohne Leiden, und das durch die Erken-nung verhinderte Leiden nicht ohne Glückswcchscl denken können.Gleichwohl kann bcidcs gar wohl ohne das andere seyn; nichtzu erwähnen, daß auch nicht bcidcs eben die nehmliche Persontreffen muß, und wenn cs die nchmlichc Person trift, daß cbcnnicht bcidcs sich zu dcr nchmlichen Zcit eräugnen darf, sonderneines auf das andere folgen, eines durch das andere verursachetwerden kann. Ohne dieses zu überlegen, hat man nur an solche