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Hamburgische Dramaturgie.
Fälle und Fabeln gedacht, in welchen beide Theile entweder zu-sammen fliesten, oder der eine den andern nothwendig ausschließt.Daß es dergleichen giebt, ist unstreitig. Aber ist der Kunstrich-ter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichstenAllgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern,in welchen seine allgemeinen Regeln in Eollision kommen, undeine Vollkommenheit der andern aufgeopfert werden muß?Setzet ihn eine solche Kollision mit sich selbst in Widerspruch?Er sagt: dieser Theil der Fabel, wenn er seine Vollkommenheithaben soll, muß von dieser Beschaffenheit seyn; jener von einerandern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wohat er gesagt, daß jede Fabel diese Theile alle nothwendig ha-ben müsse? Genug für ihn, daß es Fabel» giebt, die sie allehabe» können. Wenn eure Fabel aus der Zahl dieser glückli-chen nicht ist; wenn sie euch nur den besten Glückswechscl, odernur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so untersuchet,bey welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren wür-det, und wählet. Das ist es alles!
Neun und dreißigstes Stück.Den Uten September, 17K7.
Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen, oder nichtwidersprochen haben; Tourneminc mag ihn recht verstanden, odernicht recht verstanden haben: die Fabel der Merope ist wederin dem einen, noch in dem andern Falle, so schlechterdings füreine vollkommene tragische Fabel zu erkennen. Denn hat sichAristoteles widersprochen, so behauptet er eben sowohl geradedas Gegentheil von ihr, und es muß erst untersucht werden,wo er das grössere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sichaber, nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt dasGute, was er davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondernnur von einem einzeln Theile derselben. Vielleicht war derMißbrauch seines Ansehens bey dem Pater Tourneminc auchnur ein bloßer Zesuitcrkniff, um uns mit guter Art zu verstehenzu geben, daß eine so vollkommene Fabel von einem so großenDichter, als Voltaire, bearbeitet, nothwendig ein Meisterstückwerden müssen.