Erster Band. 487
„übersetzen und anbringen dürfen. Wen» ich mir so eine Frey-heit nehmen wollte, so würde man mich damit in die Epopcc„verweisen. Denn Sie glauben nicht, wie streng der Herr ist,„dem wir zu gefallen suchen müssen; ich meine unser Publikum.„Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der Held, und„nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bey kriti-schen Vorfallen, in Rathsvcrsammlungcn, bey einer heftigen„Leidenschaft, bey einer dringenden Gefahr, kein König, kein„Minister poetische Vcrglcichungcn zu machen pflege." Aberverlangt denn dieses Publikum etwas unrechtes? meinet es nicht,was die Wahrheit ist? Sollte nicht jedes Publikum eben diesesverlangen? eben dieses meinen? Ein Publikum, das andersrichtet, verdient diesen Namen nicht: und muß Voltaire dasganze italienische Publikum zu so einem Publiko machen wollen,weil er nicht Frcymüthigkcit genug hat, dem Dichter geradeheraus zu sagen, daß er hier und an mchrcrn Stellen lururirc,und seinen eignen Kopf durch die Tapete stecke? Auch uncrwo-gcn, daß ausführliche Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schick-liche Stelle in dem Trauerspiele finden können, hätte er an-merken sollen, daß jenes Virgilische von dem Maffci äußerstgcmißbrauchct worden. Bey dem Virgil vermehret es das Mit-leiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bey dem Maffei aberist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovones das Bild seyn soll, triumphiret, und müßte nach der Gesin-nung des Polyphonts, mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auchnoch wichtigere, und auf das Ganze noch größcrn Einfluß ha-bende Fehler scheuet sich Voltaire nicht, lieber dem Geschmackeder Italiener überhaupt, als einem einzeln Dichter aus ihnen,zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfciiistcn Lebens-art, wenn er den Maffci damit tröstet, daß es seine ganze Na-tion nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehlerseiner Nation wären; daß aber Fehler einer ganzen Nationeigentlich keine Fehler wären, weil es ja eben nicht daraufankomme, was an und für sich gut oder schlecht sey, sondernwas die Nation dafür wolle gelten lassen. „Wie hätte ich es„wagen dürfen, fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber auchzugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Mar-