Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
189
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vrstcr Band.

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Verse, in allen vcrschicdncn Stilen der berühmtesten Dichterseines Landes: doch diese Neigung nnd diese Leichtigkeit bewei-sen für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie crfodcrtwird, wenig oder nichts. Hernach legte er sich auf die Ge-schichte, auf Kritik und Alterthümer; und ich zweifle, ob dieseStudien die rechte Nahrung für das tragische Genie sind. Erwar unter Kirchenväter und Diplomen vergraben, und schriebwider die Pfaffe und Basnagcn, als er, auf gesellschaftlicheVeranlassung, seine Mcrope vor die Hand nahm, und sie inweniger als zwey Monaten zu Stande brachte. Wenn dieserMann, unter solchen Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, einMeisterstück gemacht hätte, so müßte er der ausscrordcntlichstcKopf gewesen seyn, oder eine Tragödie überhaupt ist ei.n sehrgeringfügiges Ding. Was indeß ein Gelehrter, von gutem klas-sischen Geschmacke, der so etwas mehr sür eine Erholung alsfür eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann,das leistete auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgcdrcch-scltcr, als glücklich; seine Charaktere sind mehr nach den Zer-gliederungen des Moralisten, oder nach bekannten Vorbildern inBüchern, als nach dem Leben geschildert; sein Ausdruck zeigtvon mehr Phantasie, als Gefühl; der Littcrator und der Vcr-sisicatcur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genieund der Dichter.

Als Vcrsificatcur läuft er den Beschreibungen und Gleich-nissen zu sehr nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahreGemählde, die in seinem Munde nicht genug bewundert werdenkönnten; aber in dem Munde seiner Personen unerträglich sind,und in die lächerlichsten Ungereimtheiten ausarten. So ist es,z. E. zwar sehr schicklich, daß Acgisth seinen Kampf mit demRäuber, den er umgebracht, umständlich beschreibet, denn aufdiesen Umständen beruhet seine Vertheidigung; daß er abcrauch,wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben beken-net, alle, selbst die allcrklcinstcn Phänomcna mahlet, die denFall eines schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem Geräusche er das Wasser zertheilet, dashoch in die Luft spritzet, und wie sich die Fluth wieder über