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Hamburgischc Dramaturgie.
gänzlich entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, jawie nnmöglich öfters, dieses sey: so trafen sie mit den tyran-nischen Regeln, welchen sie ihren völligen Gehorsam aufzukün-digen, nicht Muth genug hatten, ein Abkommen. Anstatt eineseinzigen Ortes, führten sie einen unbestimmten Ort ein, unterdem man sich bald den, bald jenen, einbilden könne; genug,wenn diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit aus einanderlägen, und keiner eine besondere Verzierung bedürfe, sonderndie nehmliche Ncrzicrung ungefehr dem einen so gut als demandern zukommen könne. Anstatt der Einheit des Tages scho-ben sie die Einheit der Dauer unter; und eine gewisse Zeit,in. der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonnehörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öftererals einmal zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel undmancherley darum cräugncn, ließen sie für Einen Tag gelten.
Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitiglassen sich auch so noch vortreffliche Stücke machen; und dasSprichwort sagt, bohre das Bret, wo es am dünnsten ist. —Aber ich muß meinen Nachbar nur auch da bohren lassen. Ichmuß ihm nicht immer nur die dickcstc Kante, den ästigstenTheil des Brcrcs zeigen, und schreyen: Da bohre mir durch!da pflege ich durchzubohren! — Gleichwohl schreyen die franzö-sischen Kunstrichtcr alle so; besonders wenn sie auf die drama-tischen Stücke der Engländer kommen. Was für ein Aufhebensmachen sie von der Regelmäßigkeit, die sie sich so unendlicherleichtert haben! — Doch mir eckclt, mich bey diesen Elemen-ten länger aufzuhalten.
Möchten meinetwegen Volraircns und Maffcis Mcropc achtTage dauern, und an sieben Orten in Griechenland spielen!Möchten sie aber auch nur die Schönheiten haben, die michdiese Pedanteriecn vergessen machen!
Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler inden Charakteren nicht auswicgcn. Wie abgeschmackt Polyphontbey dem Masse, öfters spricht und handelt, ist Lindcllcn nichtentgangen. Er hat Recht über die heillosen Maximen zu spot-ten, die Maffci seinem Tyrannen in den Mund legt. DieEdelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen;