Zweyter Band. 3Z>)
dieses die Furcht nothwendig einschließt; weil nichts unser Mit-leid erregt, als was zugleich unsere Furcht erwecken kann.
Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als ersich hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu commcnti-rcn.(°) Er hatte fünfzig Jahre für das Theater gearbeitet: undnach dieser Erfahrung würde er uns unstreitig vortreffliche Dingeüber den alten dramatischen Codex haben sagen können, wenner ihn nur auch während der Zeit seiner Arbeit fleißiger znRathe gezogen hätte. Allein dieses scheinet er, höchstens nurin Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst, gethan zuhaben. Zn den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert,und als er am Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleich-wohl nicht wider ihn verstoßen haben wollte: so suchte er sichdurch Auslegungen zu helfen, und ließ seinen vorgeblichen Lehr-meister Dinge sagen, an die er offenbar nie gedacht hatte.
Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht, und sieals die vollkommensten untadclhaftestcn Personen geschildert; erhatte die abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in demPhokas, in der Kleopatra aufgeführt: und von beiden Gattun-gen behauptet Aristoteles , daß sie zur Tragödie unschicklich wä-ren, weil beide weder Mitleid noch Furcht erwecken könnten.Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an, damitbey diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehendes Aristoteles leiden möge? „O, sagt er, mit dem Aristoteles „können wir uns hier leicht vergleichen. (°°) Wir dürfen nur„annehmen, er habe eben nicht behaupten wollen, daß beide„Mittel zugleich, sowohl Furcht als Mitleid, nöthig wären,„um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken, die er zu„dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner„Meinung sey auch eines zureichend. — Wir können diese Er-klärung, fährt er fort, aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir
(°) 5e Iiüksriter-ii riuvlque elivle für ci»l>>>!«Ne sn» >Ie irav-UI >inu>l-t l0vn«, sagt cr in seiner Abl'andlnng über das Drama. Sri» erstes Stück,Mclilc, war von tL25>, und sein letztes, Surcna, ron 1675; welches geradedie sunfzig Jalir ausmacht, so daß es gewiß ist, daß cr, bcr> den Auslegun-gen des Aristoteles, auf alle seine Stücke ein Auge habcn konnte, und hatte.
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