Hambnrgische Dramaturgie.
habt! Wozu dicsc traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zulehren? Dicsc kann uns nur die kalte Vernunft lehren; undwenn die Lehre der Vernunft in uns bcklcibcn soll, wenn wir,bey unserer Unterwerfung, noch Vertrauen und fröhlichen Muthbehalten sollen: so ist es höchst nöthig, daß wir an die verwir-renden Beyspiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisseso wenig, als möglich, erinnert werden. Weg mit ihnen vonder Bühne! Weg, wenn es seyn könnte, aus allen Büchernmit ihnen! —
Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige,die erforderlichen Eigenschaften hat, die sie haben müßten, Fallser wirklich das seyn sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohlein so interessantes Stück geworden, wofür ihn unser Publikumhält? Wenn er nicht Mitleid und Furcht erregt: was ist dennseine Wirkung? Wirkung muß er doch haben, und hat sie. Undwenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er dicsc, oderob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn ersie vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn,nothwendig nur nach den Regeln des Aristoteles, beschäftigetund vergnügt werden?
Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antwor-ten. Ucbcrhaupt: wenn Richard schon keine Tragödie wäre, sobleibt cr doch ein dramatisches Gedicht; wenn ihm schon dieSchönheiten der Tragödie mangelten, so könnte er doch sonstSchönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiradcn;kühne Gesinnungen; einen feurigen hinrcisscndcn Dialog; glück-liche Veranlassungen für dcn Aktcur, dcn ganzen Umfang seinerStimme mit dcn mannichfaltigstcn Abwechselungen zu durchlau-fen, seine ganze Stärke in der Pantomime zu zeigen u. s. w.
Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auchnoch andere, die den eigentlichen Schönheiten der Tragödie nä-her kommen.
Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Be-schäftigung unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen;besonders in der Nachahmung.
Auch das Ungeheuere in dcn Verbrechen participirct von dcnEmpfindungen, wclche Größe und Kühnheit in uns erwecken.