Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
356
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Hambnrgische Dramaturgie.

habt! Wozu dicsc traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zulehren? Dicsc kann uns nur die kalte Vernunft lehren; undwenn die Lehre der Vernunft in uns bcklcibcn soll, wenn wir,bey unserer Unterwerfung, noch Vertrauen und fröhlichen Muthbehalten sollen: so ist es höchst nöthig, daß wir an die verwir-renden Beyspiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisseso wenig, als möglich, erinnert werden. Weg mit ihnen vonder Bühne! Weg, wenn es seyn könnte, aus allen Büchernmit ihnen!

Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige,die erforderlichen Eigenschaften hat, die sie haben müßten, Fallser wirklich das seyn sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohlein so interessantes Stück geworden, wofür ihn unser Publikumhält? Wenn er nicht Mitleid und Furcht erregt: was ist dennseine Wirkung? Wirkung muß er doch haben, und hat sie. Undwenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er dicsc, oderob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn ersie vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn,nothwendig nur nach den Regeln des Aristoteles, beschäftigetund vergnügt werden?

Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antwor-ten. Ucbcrhaupt: wenn Richard schon keine Tragödie wäre, sobleibt cr doch ein dramatisches Gedicht; wenn ihm schon dieSchönheiten der Tragödie mangelten, so könnte er doch sonstSchönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiradcn;kühne Gesinnungen; einen feurigen hinrcisscndcn Dialog; glück-liche Veranlassungen für dcn Aktcur, dcn ganzen Umfang seinerStimme mit dcn mannichfaltigstcn Abwechselungen zu durchlau-fen, seine ganze Stärke in der Pantomime zu zeigen u. s. w.

Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auchnoch andere, die den eigentlichen Schönheiten der Tragödie nä-her kommen.

Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Be-schäftigung unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen;besonders in der Nachahmung.

Auch das Ungeheuere in dcn Verbrechen participirct von dcnEmpfindungen, wclche Größe und Kühnheit in uns erwecken.