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7 (1839)
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Hauwurgische Dramaturgie.

bindet cinc ganz falsche Zdcc mit dem Worte Sitten , und wasdie Proärcsis ist, durch welche allein, nach unserm Wcltwciscn,freye Handlungen zu guten oder bösen Sitten werden, hat ergar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in einen wcit-läuftigcn Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den Zusam-menhang, durch die syllogistischc Folge aller Ideen des griechi-schen Kunstrichtcrs, einleuchtend genug führen. Ich vcrspare ihndaher auf cinc andcre Gelegenheit, da es bey dieser ohncdcmnur darauf ankömmt, zu zcigcn, was für einen unglücklichenAuSwcg Corneille, bey Verfehlung des richtigen Weges, ergrif-fen. Tiefer Ausweg lief dahin: daß Aristoteles unter der Güteder Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter irgend einertugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, so wie sie dereingeführten Person entweder eigenthümlich zukomme, oder ihrschicklich beygeleget werden könne: lo caraetore drillant A «.'lov,'ti'uno lülditucle vcrtuoulo ou crinilnello, solon ^n ollo oK ^io^r<zk canvonadlc! :V la ^orkonno rju'on introlUiit.Llcopalra in derRodogunc, sagt er, ist äusserst böse; da ist kein Mcuchclmord,vor dem sie sich scheue, wenn er sie nur auf dcm Throne zuerhalten vermag, den sie allem in der Welt vorzieht, so heftigist ihre Herrschsucht. Abcr alle ihre Verbrechen sind mit cincrgewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabeneshat, daß man, indem man ihre Handlungen verdammet, dochdic Quelle, woraus sie entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem Lügner zu sagen. Das Lügenist unstreitig cinc lasterhafte Angewohnheit; allein Dorantbringt scinc Lügcn mit cincr solchen Gegenwart des Geistes,mit so vieler Lebhaftigkeit vor, daß dicsc Ilnvollkommcnhcitihm ordentlich wohl läßt, und die Zuschauer gcstchen müssen,daß die Gabe so zu lügcn ein Laster sey, dessen kcin Dnmm-kopf fähig ist. Wahrlich, einen verderblichern Einfall hätteEorncillc nicht babcn könncn! Bcfolgct ihn in dcr Ausführung,und cs ist um allc Wahrheit, um alle Täuschung, um allensittlichen Nutzen dcr Tragödie gethan! Dcnn dic Tugcnd, dieinnncr bcschciocn und cinfältig ist, wird durch jcncn glänzcndcnEharaklcr citcl und romantisch: das Lastcr abcr, mit cincmFirniß übcrzogcn, dcr uns überall blendet, wir mögen cs aus