Zweyter Band.
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Umständen vielleicht unterrichtet ist, lieber nicht bekümmern, alsseiner Pflicht minder Genüge leisten müsse.
Der Vortheil, den die einheimischen Sitten in der Komö-die haben, beruhet ans der innigen Bekanntschaft, in der wirmit ihnen stehen. Der Dichter braucht sie uns nicht erst be-kannt zu machen; er ist aller hierzu nötbigcn Beschreibungenund Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach ih-ren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erstlangweilig zu schildern. Einheimische Sitten also erleichternihm die Arbeit, und befördern bey dem Zuschauer die Illusion.
Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigendoppelten Vortheils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Ar-beit so viel als möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht anNebenzwecke zu verschwenden, sondern sie ganz für den Haupt-zweck zu sparen. Auch ihm kömmt auf die Illusion des Zu-schauers alles an. — Man wird vielleicht hierauf antworten,daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß sie ihrerganz und gar entübrigct seyn könne. Aber sonach braucht sieauch keine fremde Sitten; und von dem Wenigen, was sie vonSitten haben und zeigen will, wird cS doch immer besser seyn,wenn es von einheimischen Sitten hergenommen ist, als vonfremden.
Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigeneSitten, nicht blos in der Komödie, sondern auch in der Tra-gödie, zum Grunde gelegt. Ja sie haben fremden Völkern, ausderen Geschichte sie den Stoff ihrer Tragödie etwa einmal ent-lehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten leihen, als dieWirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische Sittenentkräften wollen. Auf das Costume, welches unsern tragischenDichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig odernichts. Der Beweis hiervon können vornehmlich die Perserin-nen des Aeschylus seyn; und die Ursache, warum sie sich sowenig an das Costume binden zu dürfen glaubten, ist aus derAbsicht der Tragödie leicht zu folgern.
Doch ich gerathe zu weit in denjenigen Theil des Problems,der mich itzt gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich be-haupte, daß einheimische Sitten auch in der Tragödie zuträgli-