Zweyter Band.
seinem Muster abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer (brau-sen, wo er sich mit seinem Vetter über seinen Vater unterhält. (°)
Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit derLiebe, die dn deinem Vater schuldig bist?
Lycast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mirverlangen.
Leander, ör sollte sie nicht verlangen?
Lycast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nichtlieb. Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte.
Leander. Unmenschlicher Sohn! Dn bedenkst nicht, was dusagst. Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! Sosprichst du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn ein-mal; hernach will ich dich fragen.
Lycast. Hm! Ich weis nun eben nicht, was da geschehen würde.Auf allen Fall würde ich wohl auch sogar unrecht nicht thun. Dennich glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fasttäglich zu mir: „Wenn ich dich nur los wäre! wen» du nur wegwärest!" Heißt das Liebe? Kanst du verlangen, daß ich ihn wiederlieben soll?
Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichenGesinnungen nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, sähig ist, verdienet nicht anders als sklavisch ge-halten zu werden. Wenn wir uns des ausschweifenden Sohnesgegen den strengen Vater annehmen sollen: so müssen jenes Aus-schweifungen kein grundböses Herz verrathen; cs müssen nichtsals Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche Unbcdacht-samkciten, Thorheiten des Kitzels und Muthwillcns seyn. Nachdiesem Grundsatze haben Mcnandcr und Tcrcnz ihren Ktcsiphogeschildert. So streng ihn sein Vater hält, so entfahrt ihmdoch nie das geringste böse Wort gegen denselben. Das einzige,was man so nennen könnte, macht er auf die vortrefflichste Weisewieder gut. Er möchte seiner Liebe gern wenigstens ein PaarTage, ruhig gemessen; er freuet sich, daß der Vater wiederhinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daßcr sich damit so abmatten, — so abmatten möge, daß cr ganze
(-) i. Aufz. 0. Auft.