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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der Fremdherrschaft bis zur Reform des Börsenvereins im neuen Deutschen Reiche / Johann Goldfriedrich
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Periodische Presse.

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zu lesen und noch mehr Gift herauszulesen, als hineingcstreut war".Eine Broschüre aus den vierziger Jahren von John Prince-Smith Über Ccnsur", Königsberg 1843, ließ sich ausführlicher darüber aus.Das Bestreben, die öffentliche Meinungsäußerung durch Präventivcensurbeschränken zu wollen, nötigte der Presse, indem es sie in einen unmittel-baren Angriffskrieg gegen den Censor versetzte, die Richtung eines stetenAndrängens gegen die sie unterdrückende Gewalt aus, trieb sie zu Aus-schreitungen, die keine Ccnsur bewältigen konnte; es überhob die Pressealler moralischen Verantwortlichkeit für ihre Ausschreitungen; würdigtedadurch die in der Presse stattfindende Erörterung öffentlicher Interessenherab zu dem pikanten Schauspiele eines Kampfes zwischen Presse undCensor; erregte Ungeduld und Unwillen, gab dem Widerstreben den An-schein des Mutes, verlockte zu Übertretungen durch den Ruhm der Oppo-sition; sicherte durch die Verbote selbst gehaltlosen und verwerflichenSchriften einen ausgebreiteten Leserkreis; erzeugte einen demoralisierendenSchleichhandel mit verbotenen Schriften; beraubte, indem die Ver-waltungsbehörden mit Zwangsmitteln statt mit Überzeugungskraft ar-beiteten, die Regierung ihrer Hauptstütze in der Volksmeinung und dasVolk der Intelligenz der Regierung als seines Hauptbildungshcbels;machte die Presse unzuverlässig und, indem gründliche Männer sich ihrimmer weniger widmeten, ungründlich; begünstigte eine unpraktischetheoretische Gelehrsamkeit, indem es die Gelehrten von der Tages-Prcssc fernhielt und auf einen abgeschlossenen Kreis fachmännischer Lesergrößerer Werke beschränkte; schwächte das Vertrauen zu der Regierung,vernichtete den Einfluß der öffentlichen Meinung auf Gestaltung und Ent-wicklung der Staatsinstitutionen und löste den Zusammenhang zwischenVolks- und Staatsleben.

Das Gebiet, auf dem das System der Censur am derbsten undfühlbarsten verkörpert war und am allgemeinsten und gleichmäßigstenauf dem Geiste der Zeit lastete, war das der periodischen Presse, be-sonders der Zeitungslitteratur, aber nicht nur dieser, sondern auch derwissenschaftlichen Journalistik. Gegen die Tagesblätter und Flugschriftenpolitischen Inhalts war, wie nach ihrer ganzen Veranlassung, so auchnach dem Präsidial-Vertrage, mit dem das Preßgesetz vom 20. Sep-tember 1819 der Bundesversammlung vorgelegt wurde, die ganze Ein-richtung der Censur gerichtet, und in klassischer Weise formulierte das

Geschichte de? Deutschen Buchhandels. IV. 17