256 7- Kapitel: Von der SAularfcicr bis zu den Märztagcn (1840—1848).
innert an den Ausspruch Kants : die Menschheit bedürfe weniger der Gnadeals vielmehr der Gerechtigkeit. „Dem Kinde steht das Gängelband nichtübel, den Mann beschimpft es" (Mathy in der Zweiten BadischcnKammer am 20. Dezember 1843).
„Der Conflikt der Zeit", schrieb Arnold Rüge in den „Anekdotenzur neuesten Philosophie", „ist kein Zerwürfniß mit Personen oder Au-toritäten, sondern ganz rein der Principienkampf der Censur und derGeistesfreihcit oder der Preßpolizei und der freien Wissenschaft." Alleinder Haß gegen das unpersönliche System, zu welchen maßlosen Aus-fällen gegen die persönlichen Werkzeuge des Systems verstieg er sich!„Der sittliche Abscheu vor der Censur geht über aus die Censoren; siewerden anrüchig, weil der einfache Verstand nicht begreifen kann, daßein unbescholtener Mann sich hergebe zu einem schändlichen Geschäft"(Mathy in der Zweiten Badischen Kammer am 20. Dezember 1843).
„Das ist ein Gedaukenverderbcr und Mörder und Schindcrsknecht,
Der wider's Recht
Todtqunlt den lebendigen Geist",
heißt es in Hoffmann von Fallerslebens Liedern. In Straßburg erschien1843 eine Broschüre: „Schcmdgcschichtcn zur Charakteristik des deutschenCensoren- und Ncdactorcnpacks". „Er hat keine Seele im Leib, drumstreicht er sie Andern aus dem Körper; er hat kein warmes Blut undkein schlagendes Herz, denn nur die Kaltblütigen morden mit Überzeugung,und der Mord ist sein Geschäft. So einem Kerl in's Gesicht spucken,das ist zwar unartig, aber doch kein Mord." Den Schluß der Schriftmacht die Bemerkung: „Druckfehler. Es versteht sich von selbst, daßes S. 12, Z. 5 von unten, Schandbubcu heißen muß. Es ist ja vonCensoren die Rede!"
Der Widerspruch zwischen burcaukratischer Bevormundung und freierBewegung des Geistes aber war demoralisierend im eigentlichen Sinneund damit zugleich auch inhaltlich verderblich für Litteratur und Staat.Er war es, indem er, wie eine Broschüre vom Jahre 1855: „Diedeutsche Politik Preußens und das Berliner Central-Preßbureau", Hil-deshcim, im Rückblick auf die Zeit vor 1848 bemerkte, „den Schrift-steller inducirte, reizte, nahezu nöthigte, versteckt und doppelsinnig, sub-versiv und boshaft zu schreiben, die Leser aber dahin brachte und ge-wöhnte, mit Oppositionssucht und Malice zu lesen, zwischen den Zeilen