,, W irtscliaftswissenschaft ?"
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Opfern. Lebten wir „von Luft und Liebe", so gäbe es kein Wirtschafts-leben, also auch keine Wirtschaftswissenschaft, ebenso wenig wie eseine solche auf jener glücklichen Südseeinsel gibt, auf der, wie Cookerzählt, der Mann, der einmal in seinem Leben zehn Brotfruchtbäumepflanzte, ebenso die Pflicht gegen seine Nachkommen erfüllt hat, wie derMann, der in unserem Klima das ganze Leben hindurch pflügt, sät underntet. Gegenstand alles Wirtschaftens ist die Beschaffung der „Güter"als sachlicher Bedürfnisbefriedigungsmittel (Philippovich). „Arbeit" istdas Mittel ihrer Beschaffung — ein Mittel zum Mittel. „Rechte" sind dasMittel, wodurch die Staatsgewalt die Verfügungsmacht über die Güter demWirtschafter sichert — also ebenfalls Mittel zum Mittel. (Böhm-Bawerk .)
Die „Sachgüterbeschaffung" ist insofern ein geeignetes wissenschaft-liches Auswahlprinzip, weil sie ein allgemeingültiges Interessebesitzt. Wirtschaftliche Güter haben zwar keinen Anspruch auf all-gemeingültigen Eigenwert, aber sie haben „Bedingungswert" —Wert für die Allgemeinheit — insofern, als die Verwirklichung dermenschlichen Kulturaufgaben ohne sie unmöglich ist. Zwar mag essein, daß das Wirtschaftsleben nicht die „Würde " des Wissenschafts-oder Kunstlebens besitzt (Dilthey), aber die Enge des Universitäts-budgets mahnt den deutschen Wissenschaftler nur zu oft an die wirt-schaftliche Grundlage auch der idealsten Kulturaufgaben und ver-bindet insbesondere die Naturwissenschaft mit der Staatsfinanz. Wenndie Künstler nicht verkaufen, verhungert die Kunst. Breiter bürger-licher Besitz war allzeit der beste Nährboden der bildenden Kunst, denstaatliche Protektion nicht ersetzen kann. Das „Kapital" eines KarlMarx wäre nicht geschrieben worden ohne das Kapital, das der stets hilfs-bereite Freund Engels besaß. Überall meldet sich der „nervus rerum".
b)DieWirtschaftswissenschaftistSozialwissen-Schaft. Nicht der Einzelne, auch nicht das Genie, sondern alleinder menschliche Makrokosmos, die „Menschheit " in ihrem zeitlichenund räumlichen Nach- und Nebeneinander, verwirklicht schrittweisedie Kultur. Die Kultur ist ein sozialer Prozeß. Hierdurch unter-scheidet sich die menschliche „Gesellschaft" von der natur-wissenschaftlich gewiß hochinteressanten Ameisen- und Bienengesell-schaft. „Gesellschaft" in diesem Sinne ist ein teleologischerBegriff: dasjenige Zusammensein von Menschen, welches bedeutsamist für die Entstehung und den Fortschritt der Kultur. Man darf alsonicht fragen: Wie entsteht die Gesellschaft? sondern: Wann setzt diekulturwissenschaftliche Betrachtung ein? Wann ist es z. B. möglich,die Horde — zunächst Gegenstand der Anthropologie — unter Kultur-werten zu betrachten als eine wenn auch noch so primitive Stufe fürdie Kulturentwicklung der Menschheit?