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Die Möglichkeit solchen Verfahrens setzt verhältnismäßig spät ein.Zunächst und für lange Zeit sind es soziale Ordnungen, welche dieWirtschaft des Einzelnen bestimmen und zur Erklärung der wirt-schaftlichen Kausalität ausreichen. Der Mensch tritt in die Geschichteals gebundenes Glied einer unreflektierten Gemeinschaft. Inder Dorfgemeinde Indiens, wie Sir Henry Maine sie schildert, ist dieTechnik des Ackerbaues, sind die Preise der Handwerkswaren, dieLöhne, die grundherrlichen Renten autoritativ und gewohnheitsmäßigbestimmt. Noch schlummert die Seele des Einzelwirtschafters, derenRegungen im Schatten der wissenschaftlichen Gleichgültigkeit ver-harren. Nicht minder in der früheuropäischen Hauskommunion,in der Markgenossenschaft, in der mittelalterlichen Zunft; nicht vielanders aber auch noch in der obrigkeitlich geregelten Hausindustriedes Merkantilismus. Auch heute noch wird das Wirtschaftslebenweithin durch soziale Mächte bestimmt. Es ist das Verdienstder historischen Nationalökonomie — eines Schmoller, auf den Faktor„Staat " — eines Brentano, auf den Faktor „Organisation" (Arbeiter-gilden der Gegenwart und als einer der ersten auf das Kartell) alssolche soziale Mächte hingewiesen zu haben. Ebenso betont K. Marx einen sozialen Faktor, wenn er die von französischen Schrift-stellern übernommene Idee des Klassenkampfes in den Mittelpunktalles Wirtschaftsgeschehens stellt. Wie immer man zu der MarxischenWert- und Preislehre stehe, jedenfalls ist der Mehrwert von Marx als soziale Erscheinung gedacht — Ergebnis des Klassenkampfes.Unabhängig von individualpsychologischen Erwägungen, ja ohneWissen und Willen der Beteiligten, wirkt er vermittels des Ausgleichsder Mehrwerte zur Durchschnittsprofitrate auf die Preisbildung ein.
Aber die Alleinherrschaft des sozialen Faktors wurde durchbrochen.Nach Maine unterliegt in der indischen Dorfgemeinde der Getreide-preis von vornherein der „freien" Preisbildung; denn Getreide wirdursprünglich überhaupt nicht gehandelt, und der erste Getreidehändlerist ein Fremder. In ihm gewinnen individualpsychologische Strebungenzuerst eine sozialökonomische Bedeutung. Der Händler ist es,der als sozial entbundener Einzelunternehmer — als „Privatwirt" —die ganze mittelalterliche Gesellschaft umstürzt. Das revolutionäreWerk des Händlers beschleunigt der Fürst, dessen privatwirtschaft-liche Strebungen nunmehr sozialökonomische Bedeutung erlangen.Der Fürst zwingt seinen Untertanen aus finanzpolitischen Gründenprivatwirtschaftliches Denken auf. Für Zwecke „kaiserlicher Macht-politik" peitscht der Steuererheber den russischen, den indischenBauer aus sozialpsychologischer Gebundenheit in die Arena individual-psychologischer Selbstbestimmung, auf der er, der ungewohnte Einzel-