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Schulze-Gaevernitz,
ist heute im Kleinhandel zulässiger als im Großhandel, der Millionen„auf Treu und Glauben " nach Muster kauft. Grundlage des Kreditsist in den meisten Fällen (neben der Auskunftei und Bilanzprüfung)eben doch ein gefühlsmäßiger Glaube an den Schuldner. Die Ge-fahr des Wirtschaftens mit fremdem Geld wird um so größer, alsgerade die moderne Kreditwirtschaft in ihrer Abstraktheit ungeheureDissimulierungsmöglichkeitenschafft (Simmel, Soziologie). Insbesondereruht alles Bankwesen auf Vertrauen. Der Wirtschaftsmensch schifftweislich zwischen der „honesty " als „best policy" und der vielbewun-derten Smartness des Yankee hindurch, e) Hierzu kommt der Druckdes Bevölkerungsgesetzes, gewiß auch keine „natürliche" Gegeben-heit, die ein für allemal feststeht. Ricardo hat das Malthussche Gesetzals notwendige Prämisse seiner Theorie eingebaut. Im Hintergrundesteht der jüdisch-puritanische Sollsatz: „Seid fruchtbar und mehreteuch!" Dieser Satz, gegen den Naturvölker oft verstoßen, verliertauch bei Kulturvölkern infolge Zersetzung der ihn tragenden Welt-anschauung nur zu schnell seine Kraft.
Es sind dies höchst verwickelte Voraussetzungen, wie sie nur einmalim westeuropäischen Geschichtsverlaufe und von hier über den Globusausstrahlend, verwirklicht worden sind. Vielleicht handelt es sich nurum eine kurzlebige Episode in der Menschheitsentwicklung. Auf diesemgebrechlichen Boden, welchen Puritanismus und Aufklärung zimmerten,fragen die Engländer: „Wie würde das Wirtschaftsleben ablaufen,wenn nur Wirtschaftsmenschen miteinander in Verkehr träten — alsKäufer und Verkäufer von Waren, Grundstücken, Arbeitskräften?Dieser „Wirtschaftsmensch", der, unbekümmert um die Lockungendes Rentnertums, dem unbegrenzten Streben nach größtmöglichemBuchgewinn folgt, Ziffern an Ziffern reiht, als erster des Morgens aufdem Kontorbock hockt, als letzter herabsteigt, ist gewiß kein Durch-schnitt, sondern ein Typus, der in solcher Reinheit vielleicht niemalsverwirklicht worden ist. Mittelst der Isolierung dieses Typus alsindividualpsychologischer Kausa gelangte die Theorie zu sogenannten„Gesetzen", d. h. zu Regelmäßigkeiten: Auf Grund gleichartiger Tat-bestände wird ein gleichartiger Ablauf als notwendig erlebt. Aberdiese Gesetze sind nur dann mehr als eine gedankliche Spielerei, wennsie „gelten" — ob auch in mehr oder minder großer Reinheit. Esist zu prüfen, ob wirtschaftlich relevante Situationen tatsächlichdiesen Verlauf nehmen (Max Weber ). Die Wirtschaftstheorie hatnur insofern einen Zweck, soweit sie den konkreten Ablauf des Wirt-schaftslebens — das einmalige wirtschaftliche Ganze — der wissenschaft-lichen Erkenntnis näher bringt. Sie hat nur den Zweck (sit veniaverbo) einer Hilfswissenschaft der Wirtschaftsgeschichte.