I.
Nicht jede Vermehrung des Bedarfs bedeutet eine Vereinheitlichung.Er könnte ja der Menge nach wachsen und sich der Art nach immermannigfaltiger gestalten. Nicht jeder massenhafte Bedarf ist einMassenbedarf in dem Sinne, wie er hier verstanden wird, d. h. einBedarf nach gleichförmigen Gütern. Nur ob in diesem Sinne im Ver-lauf der modernen Entwicklung ein Massenbedarf entsteht, haben wirhier zu untersuchen.
Und zwar nur, insoweit unabhängig von der Produktion die Be-darfsgestaltung sich uniformirt, interessirt es uns. Nicht dagegensollen hier jene Fälle Berücksichtigung finden, wo der Producent inseinem Interesse den Käufern einheitliche Gehrauchsgüter aufdrängt.Wenn beispielsweise ein Parquetfabrikant den Geschmack in der Weisebeeinflusst, dass er an Stelle kunstvoller Muster nun die sogenannten.Kapuzinerböden einbürgert, Böden nämlich, die aus dachziegelartigschief nebeneinander gelegten, rechtwinkligen schmalen eichenen Brett-chen bestehen. Diese Brettchen sind ein Artikel, der wie geschaffenfür die Herstellung durch die Maschine ist: Alle haben gleiche Grösse,und da sie massiv sind, brauchen bei der Auswahl der Bretter keinegrossen Anforderungen an die Qualität gestellt zu werden. Sondernuns interessirt nur die spontane Umformung des Bedarfs aus den Kreisender Consumenten heraus.
Da könnte man nun daran denken, dass eine solche Vereinheit-lichung allein schon im Gefolge der Bevölkerungszunähmeund ReiclithumsVermehrung aufträte. Und das ist gewiss auchhäufig der Fall. Wenn mehr Leute als früher etwas bedürfen, ist esleicht möglich, dass nun auch mehr Menschen denselben Artikel ver-langen. Das ist besonders deutlich beispielsweise bei allem Anstalts-bedarf: wenn ein Krankenhaus früher 20 und nun 200 Betten hat, sosteigert sich der Bedarf an gleicher Waare um das Zehnfache. Undwenn, Dank der Zunahme der Wohlhabenheit, mehr Leute Gegenständeeines bestimmten Preises kaufen können, so mag sich ein Gebrauchsgutdas ehedem nur in einzelnen Exemplaren abgesetzt wurde, nun leicht
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (II. Band, Heft XII.) 1