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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
Entstehung
Seite
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I)

Wirthschaft und Mode.

mercium in den modernen Staaten einzustellen pflegt. Ehedem ent-wickelt jede Landschaft ihren Geschmack und jeder Kleinstädter iststolz auf seiner Väter Sitten: der Bürger trägt sich anders als derBauer und dieser anders als der Edelmann. Die Auflösung allesständischen und landschaftlichen Wesens durch die moderne capitalistischeEntwicklung führt auch zu einer Nivell irung alles Geschmacks: vonden grossen Centren des socialen Lehens, den Städten, aus Averden jetztKleidung und Wohnungseinrichtung, Avie jeder andere Güterbedarf inihrer Eigenart für das ganze Land geregelt. Dass hier wiederum dasInteresse der Grossproducenten nachgeholfen hat. ist geAAÜss. Aber imgrossen Ganzen ist doch diese Vereinheitlichung des Geschmacks einenothwendige Folge der ökonomischen GesammtentAvicklung 1 ).

II.

Wichtig ist es aber, zu beachten, Avie das grossstädtische Wesenden Bedarf selbst in seiner Art von Grund aus neu gestaltet. Ichnenne den Process, der sich hier vollzieht, die Urbanisirung desBedarfs oder, Avenn man Avill, Consums. Die Anforderungen anunsere Gebrauchsguter Averden andere und in dem Masse, wie sich derGebrauchszweck umgestaltet, wandelt sich auch das Werthurtheil übernützlich und schön, .federmann verbindet mit dem Ausdruck bäueri-scher und städtischer oder gebildeter Geschmack eine ganz bestimmteVorstellung. Will man den Unterschied in einem Worte zusammen-fassen, so kann man vielleicht sagen, dass der Sinn für das Derbe,Solide, Dauerhafte geringer wird und an seine Stelle die Lust am Ge-fälligen, Leichten, Graziösen, am Chic tritt. Die Bauerndirne imscliAveren Faltenrock, den derben Rindslederschuhen, den bunten, dickenWollstrümpfen, dem Mieder aus steifem Filz, dem groben Leinenhemdund dem plumpen Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten, wieman es in Holland sieht, auf den festgeflochtenen Zöpfen, und dazu imGegensatz die grossstädtische Confectioneuse in der hellen Battistblousemit dem gelben Ledergürtel, den leichten Niederschuhen und dendurchbrochenen Strümpfen, dem bunten Battisthemdchen und demMatrosenhütchen auf dem Kopf mit der lose geschlungenen Haartocke sie drücken frappant die Extreme der beiden Bedarfs- und Ge-schmacksrichtungen aus, zAvisclien denen sich die Entwicklung beAvegthat. Wie es vor Allem der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hiergeschmackAvandelnd geAvirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuh-

] ) Eine anschauliche Schilderung der Umbildung des Geschmacks in Bezugauf die Kleidung in einem kleinen Avestpreussischen Städtchen (Lübau) findet manin U. IV. 195 f. 201. Die MitAvirkung derMode bei diesem UnificirungsprocessAvird unten S. 1701 und öfters geAviirdigt.