Wirthschaft und Mode. 5
denen ein früher individuell oder familienweise befriedigter Bedarf nunfür eine grössere Anzahl von Personen einheitlich gedeckt wird. DieseEntwicklung, wie man es auch bezeichnen kann, zur Socialisirung'unseres Daseins vollzieht sich, wie Jeder weiss, an tausend und abertausend Stellen zugleich: hier als ein Ergebniss der grossstiidtischenSiedlungsweise überhaupt, wie in der Entstehung der Miethskasernen,der Vergnügungslokale, dort als besondere Folge fortgeschrittener Tech-nik in der connnunalen Wasser-, Gas- und Electricitätsversorgung:häufig aber insbesondere als Begleiterscheinung der im Gefolge dergrossstädtischen Entwicklung nothwendig sich vollziehenden Auflösungder früheren Privatfamilienwirthschaft. Sei es, dass weniger Familien-wirthschaften überhaupt begründet werden: Zunahme des Ledigbleibens.Liebesverhältnisse oder sogar Ehen ohne das Fundamentum eines sog.häuslichen Herdes; sei es, dass die Familienwirthschaften immer mehrsich von der Last der Güterverarbeitung, Ausbesserung etc. zu befreienstreben, bezw. zu befreien in der Lage sind.
Der Schwerpunkt der Bedarfsbefriedigung, mehr und mehr auchder des Nahrungsbedarfs, wird aus den Küchen und Stuben der Einzel-haushalte in die Speisehäuser und Cafe's verlegt*), was aber noch imHause consumirt wird, kommt schon in fast völlig gebrauchsfertigemZustand in die Familienwirthschaft.
Alles dies wirkt wie ersichtlich in gleicher Richtung auf die Ge-staltung des Bedarfs ein, indem sie ihn vereinheitlicht. Denn so sehrauch meinetwegen die Speisekarte eines Restaurants oder einer Ge-nossenschaftsküche reichhaltiger ist, als das Menu eines Einzelhaushalts:sie ist sicher nicht so buntscheckig wie die Gesammtheit der Menus inall den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend im Restau-rant essen. Und selbst, wenn sie es wäre, so würde doch der Gross-bedarf an den einzelnen Bestandtheilen der Nahrung: Brot, Fleisch,Kartoffeln, Geflügel, Gemüse etc. den Bezug viel grösserer Quantitäteneiner und derselben Waare ermöglichen.
Was aber vielleicht bedeutsamer für die Vereinheitlichung desBedarfs als alle vorhergehenden Entwicklungsmomente ist, ist eine innereWandlung des Geschmacks, ist die bekannte Erscheinung der
6. Uniforinirung des Geschmacks, wie sie sich im Gefolgeder Ausbreitung grossstädtischen Wesens mit dem zunehmenden Com-
i) Dass diese Entwicklung erst in den Anfängen sicli befindet, kann für denaufmerksamen Beobachter nicht zweifelhaft sein. Eine ganz gewaltige Förderungwird sie erfahren’ in dem Maasse, wie die genossenschaftliche Wirthsohaftsführungan Ausdehnung gewinnen wird. Neuerdings hat diese Idee eine ebenso geistreiche,wie energische und besonnene Vorkämpferin in Frau Li 1 y Braun gefunden. Siehederen Schrift. Hauswirthschaft und Sozialdemokratie. 1901.