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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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eleganten Equipagen der Reichen, den glänzenden Läden,den üppigen Restaurants, an denen vorbei der Arbeiter inseine Fabrik, in seine Wertstatt, in sein ödes Stadtviertelgebt; der Kontrast in der Lage, der den Haß in den Massenerzeugt ; den Hasz. Und das ist wiederum eine Eigenart dermodernen Situation, daß sie diesen Haß erzeugt und denHaß zum Neide werden läßt. Mir scheint, es geschiebt deshalbvor allem, weil diejenigen, die über diesen Glanz verfügen,nicht mehr die Kirche, nicht mehr die Fürsten , sondern, daß esdiejenigen sind, von denen sich die Massen abhängig sühlen,in deren ökonomischer Gewalt sie sich unmittelbar sehen, indenen sie ihre sogenannten Ausbeuter erblicken, dieser spe-zifisch moderne Kontrast ist es erst, was die Intensität desGefühles des Hasses in den Massen erzeugt. Noch weitereines! Es ist nicht die bloße elende Lage, der Kontrast mitden Wohlhabenden, sondern eine andere furchtbare Geißelwird über den Köpfen der Proletarier geschwungen: ich nieinedie Unsicherheit ihrer E x i st e n z. Auch hier haben wires wieder mit einer Eigentümlichkeit des modernen sozialenLebens zu thun, wenn wir es recht verstehen. Unsicherheitder Existenz freilich giebt es auch sonst: Der Japaner schrecktvor dem Erdbeben, das jeden Augenblick ihn und seine Habeverschlingen kann; der Kirgise zittert vor dem Sandsturmim Sommer, dem Schneesturm in: Winter, der ihm dieFutterplätze seiner Tiere vernichtet; eine Ueberschwemmung,eine Dürre in Rußland kann den Bauer seiner Ernte be-rauben und ihn dem Hungertode preisgeben. Aber waswiederum ein Spezifikum der Unsicherheit des Proletariatesbildet, die sich in Erwerbslosigkeit und Arbeitslosigkeit äußert,ist dieses, daß diese Unsicherheit begriffen worden ist alsFolge nicht von Naturthatsachen wie in jenen anderen Fällen,von denen ich sprach, sondern folgend aus bestimmtenOrganisationsformen des wirtschaftlichen Le-bens das ist das entscheidende.Gegen ldie Naturkann kein Mensch ein Recht behaupten, aber im Zustande