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liegt etwas zu Grunde, was ich einen methodologischen Irrtumnenne. Sachlich irrt nun aber jene Betrachtungsweise darin,daß das, was sie als normale Richtung bezeichnet, die anor-malste ist, die je existiert bat: weil nämlich die englische, sozialeBewegung nur durch eine Reihe von ganz speziellen außer-gewöhnlichen Umständen so werden konnte, wie sie gewordenist. Denn nehmen wir den normalen Verlauf der modernen,kapitalistischen Entwicklung als objektiven Maßstab, und dasist in der That der einzige, der uns zur Verfügung steht, sohätten wir viel eher ein Recht zu sagen: Die kontinentaleBewegung ist die normale und die englische die anormale. Ichdenke mir aber, daß es der Wissenschaft würdiger ist, wennsie jene Scheidung in „Normal" und „Anormal" ganz bei-seite läßt und vielmehr versucht, den Gründen auf dieSpur zu kommen, weshalb sich in den verschiedenen Län-dern verschiedene Erscheinungsformen der sozialen Be-wegung herausgestellt haben, wenn sie erklärt, stattabzusprechen. Das wenigstens soll im folgenden meineAufgabe sein, nachzuweisen, welches die Verschiedenheiten sind,in die die sozialen Bewegungen der einzelnen Länder aus-einandergehen und warum diese Verschiedenheiten dasind?
Aberwas heißt erklären? Auch darüber bedarf es wie-der eines Wortes der Verständigung, weil auch hierin — ach wieoft! — gefehlt wird. Selbstverständlich kann es sich an dieserStelle nur um wenige Andeutungen handeln. Soziale Gescheh-nisse erklären, heißt natürlich die Ursachen aufdecken, aus denensie hervorgegangen sind. Aber diesen Ursachen gilt es richtigauf die Spur zu kommen. Und dabei darf es uns nichtpassieren, wie es meist geschieht, daß wir unrealistisch werden.Unrealistisch nenne ich jede Erklärung einer sozialenErscheinung, die, an der Oberfläche haftend, diese aus denzur Schau getragenen ideellen, altruistischen Motiven derhandelnden Personen allein ableitet, also die Interessen,d. h. im wirtschaftlichen Leben vorwiegend die materiellen