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samten Geschichte Frankreichs suchen. Ihr Träger — ebenjenes leichtblütige, rasch enthusiasmierte Volk, mit dem regerenTemperament, mit dem Elan, der allen Nordländern fehlt.Jetzt vielleicht lebt der französische Typus der sozialen Be-wegung — freilich gemildert durch deutschen Einfluß — inItalien wieder auf! dort müssen wir seine Eigenart be-obachten lernen, dort den Enthusiasmus, die flinke Ver-ständigung großer Massen, das Strohfeuer momentanerBegeisterung, kurz, das so ganz andere Tempo des Denkensund Fühlens uns klar zu machen suchen, um diesen fran-zösischen oder, wenn Sie wollen, romanischen Typus des ge-borenen Revolutionärs zu begreifen in seiner himmelweitenAbständigkeit etwa vom englischen Normalspinner. VictorHehn sagt einmal in seiner treffenden Weise vom Italiener ,könnte es aber auf alle Romanen bezogen haben: „Völligfremd ist ihm das deutsche — und gar erst das englische! —Philistertum, ganz undenkbar das Temperament jenerphantasielosen und wohlmeinenden Söhne der Gewohnheit,die, mit allen Tugenden der Gewöhnlichkeit ausgestattet,ehrenwert durch Mäßigkeit der Ansprüche, langsam in derAuffassung ... die von den Vätern überkommene Lastbürgerlicher Vorurteile mit rührender Geduld ihr Lebenlang weiter schleppen."
So strebt der Romane gern nach weitgesteckten Zielenund scheut vor gewaltsamen Mitteln zu ihrer Erreichungnicht zurück. Dies Himmelstürmerische Temperament hatihm die Natur mit auf den Weg feiner Geschichte gegeben.Und nun denken Sie, um den Charakter der sozialen Be-wegung in Frankreich zu verstehen, an die Präponderanz derHauptstadt Paris in diesem Lande! Ist auch Paris nichtFrankreich , wie es oft ausgesprochen wird, so ist es dochmächtig genug, um dem Volke gelegentlich die Gesetze zudiktieren. Paris dieses Nervenbündel, dieser brodelndeFeuerkessel!
Und dann habe ich immer die Empfindung, daß das