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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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wozu die Beispiele häufen: man weise doch erst einmal eineneinzigen Fall in der Geschichte authentisch nach, in dem einesoziale Klasse entgegen ihren eigenen Interessen aus altru-istischen Motiven sich zu prinzipiell bedeutsamen Konzes-sionen verstanden haben soll! Einzelne hervorragende Per-sönlichkeiten ganz gewiß; warum nicht? Wir sehen estäglich; eine ganze Klasse ^ nein, Ist dem aber so, dannmuß das Wort des großen Realisten die Konsequenz sein,daß nur die Stärke siegt". So finden wir, als letztes Gliedin dieser Gedankenentwickelung, erst Klassenunterschied, dannKlasseninteresse, dann Klassengegensatz, nun endlich denKlassenkampf, So etwa hätte Marx die Theorie des Klassen-kampfes entwickeln müssen, wenn er sich der mühelosen, fürihn wohl selbstverständlichen psychologischen Begründunghätte unterziehen wollen.

Kehren wir nun zu diesem selbst und der Bedeutung seinerTheorie für die soziale Bewegung zurück, so müssen wir,denke ich, unser Urteil dahin zusammenfassen, daß das Auf-treten von Karl Marx einen entscheidenden Wendepunkt indieser Bewegung bedeutet, weil sie durch ihn auf eine vonGrund aus veränderte Geschichts- und Weltausfassung basiertwird. Diese Wandlung wird dadurch hervorgerufen, um esmit einem Wort zu sagen, daß an die Stelle einer idealistischenoder besser ideologischen eine realistische Betrachtungsweisetritt uud damit für die soziale Bewegung der Gedanke derRevolution durch den der Evolution abgelöst wird: der Geistdes 19. Jahrhunderts verdrängt den Geist des vorange^ganacnen Jahrhunderts. Sie erinnern sich, wie ich Ihnendas Wesen dieses Geistes an den Lehren der Utopisten klarzu machen versucht habe: es ist, wenn ich es noch einmalzusammenfassen darf, jene idealistische Auffassung von Men-schen uud Leben*), wie sie nun mehr und mehr sich vom

5) Im folgenden reproduziere ich einige Stellen aus meiner Schriftüber Friedrich Engels. (Berlin 1895.)