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Markte in die Gelehrtenstuben zurückzuziehen begann, jenerGlaube an den von Natur guten Menschen, der, solange erdurch keinerlei Irrtum oder Bosheit einzelner Bösen irre-geleitet ward, in holdestem Frieden mit seinem Mitbruderlebte, der Glaube an jene „natürliche Ordnung" in Ver-gangenheit oder Zukunft, das felsenfeste Vertrauen, daß esnur der Aufklärung, des Zuspruchs bedürfe, um die Menschenaus diesem Jammerthals auf die lachenden Inseln der Se-ligen zurückzuführen, der Glaube an die Macht der ewigenLiebe, die durch ihre eigene Kraft das Böse überwinden, demGuten zum Siege verhelfen werde. Das war es, was, keines-wegs immer den Leitern bewußt, doch allen politischen undsozialen Bewegungen bis in die Mitte unseres Jahrhundertszu Grunde gelegen hatte, was meiner Meinung yach, wie ichschon sagte, auch im Schoße des Anarchismus noch heuteschlummert, ^ als ein unausgesprochener, unausgedachterInstinkt. Diese Grundstimmung nun wurde in die schlechthinentgegengesetzte verkehrt: dem Glauben an den von Naturguten Menschen machte die Ueberzeugung Platz, daß derMensch von selbstischen, keineswegs „edlen" Motiven vor-nehmlich beherrscht werde, daß er die bsw lminams in seinemInnern trage auch in aller Kultur und trotz allem „Fort-schritt". Und daraus die Konsequenz: daß man. um in derWelt etwas zu erreichen, vor allem das „Interesse" wach-rufen müsse, die normalen, materiellen Triebe, daß manaber auch — und das war die wichtigste Schlußfolgerungfür das Schicksal der sozialen Bewegung —, weil nun ein-mal in der Welt das Interesse herrsche, wo es etwas zuerlangen galt, einen Zustand in einem bestimmten Sinne zugestalten, eine Klasse zu „emanzipieren" wie das Proletariat,daß man da nicht dem Interesse der Kapitalistenklasse dieewige Liebe entgegenstellen dürfe, sondern daß man gegendie Macht eine Macht, eine reale Macht, eine durch das In-teresse gefestigte Macht aufbieten müsse. Nichts anderes istes am letzten Ende als diese Erwägung, die zur Theorie,