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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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aber auch zur Praxis des Klassenkampfes führt. Kampfwurde die Losung dieser harten und unliebenswürdigen pro-letarischen Generation, die nach der Mitte unseres Jahr-hunderts heranwuchs, nicht Friede, nicht Versöhnung, uichtallgemeine Verbrüderung, souderu Kampf. Daß dieser Kampfkein Straßenkampf mehr war, änderte nichts daran, daß erKampf blieb. Im Kampfe aber sollte auch jene Generationvon Menschen erst herangebildet werden, die befähigt wären,in einer höheren Gesellschaftsordnung, wie sie aus der kapi-talistischen herauszuwachsen im Begriffe stehe, zu leben undzu wirken.

Das ist es, was ich die realistische Auffassung der sozialenBewegung nenne, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sieder Ausfluß jener marxistischen Welt-und Gesellschaftstheorieist, die ich zuvor zu skizzieren unternommen hatte. Dadurchaber allein konnte der sozialpolitische Realismus, der ebenanfing, sich vereinzelt empirisch zu bethätigen, zum Prinzipder sozialen Bewegung erhoben werden.

Dieser sozialpolitische Realismus ist es, der allem Utopis-mus und Revolutiouismus wenigstens prinzipiell den Garausmacht. Utopisten waren die Aufständigen in Lyon und diechartistischen Revolutionäre gewesen: denn sie hatten Strömevon Blut vergossen und doch nur die Reaktion verstärkt;Utopisten waren jene zahlreichen Putschisten, die Klubistenund Blanauisten, die durch Verschwörungen uud Straßen-krawalle auch in Zukunft die ökonomische Entwickelungmeistern wollten; Utopisten nicht minder jene Tausendkünstler,die Heilmittel der heterogensten Art, Tauschbanken oderOrg-mi^riov Zu trav-ül oder sonst etwas auf dem Markte feilboten; Utopisten jene, die an die Allmacht der Projekten-macherei glaubten; Utopisten endlich alle jene braven Seelen,die immer noch hofften, mit dem Appell an das gnte Herzder Menschenfreunde die Leiden des Proletariates zu lindernund zu beseitigen. Was Karl Marx geleistet hat, ist die Be-freiung von der Phrase auf sozialpolitischem Gebiete.