eine unterschiedliche und vielfach falsche Auffassung vomWesen sozialer Evolution zurückführen läßt.
Obwohl ich zu verschiedenen Malen Gelegenheit gehabthabe, wenigstens skizzenhaft das Wesen der sozialenEvolution anzudeuten, möchte ich doch an dieser Stelle,da ein richtiges Verständnis gerade dieses Punktes ent-scheidend ist, noch einmal zusammenfassend wiederholen, wasich unter jenem Begriffe verstehe: Die soziale Evolution unddie Auffassung der sozialen Bewegung als einer solchen beruhtauf dem Gedanken, daß wir uns in einem unausgesetzten Zu-stande der ökonomischen und somit sozialen Umschichtung be-finden, und daß sich an den jeweiligen Zustand der Umschichtungbestimmte soziale Interessen und notwendige Herrschafts-verhältnisse knüpfen! daß sich dann in dem Maße, wie dieUmschichtung erfolgt, und wie sich die Fähigkeiten der In-teressengruppen entwickeln, die Machtverhältnisse selber ver-schieben mit der Wirkung, daß die herrschenden Klassenlangsam abgelöst werden durch andere Klassen, die zurHerrschaft gelangen. Es liegt also hier der Gedanke zuGrunde, daß die jeweilige Machtverteilung wirklich der Aus-druck der ökonomischen Verhältnisse ist, keine Spiegelfechterei,kein Taschenspielerknnststück und daß diese Macht sich nurschrittweise verschieben kann; nur in dem Maße, Wiesichdie ökonomischen Verhältnisse umgestalten, und wie gleich-Zeitig die persönlichen, subjektiven Bedingungen, also dieCharaktereigenschaften der hochstrebenden Klassen sich ent-wickeln. Zusammengefaßt: Soziale Evolution ist der Ge-danke einer schrittweisen Erringung der Macht und An-bahnung eines neuen Gesellschaftszustandes entsprechend derUmgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Um-bildung und Schulung des Charakters.
Differenzen haben sich nun unter den Evolutionistenzunächst häufig genug ergeben durch eine Verwechselung derBegriffe: Evolution und Quietismus. Insbesondereunter den Marxisten hat sich Wohl die Meinuug breit gemacht.