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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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als ob Evolution soviel wie ein Naturprozeß wäre, der sichunabhängig von den Handlungen der Menschen durchsetzte,dem gegenüber die einzelnen ruhig die Hände in den Schoßlegen und abwarten müßten, bis sich die Frucht zur Reifeentwickelt habe und man sie pflücken könne. Diese guietistischeund, wie ich glaube, auch pseudomarxistische Auffassung hatnun mit dem inneren Gedanken der Evolution gar nichts zuthun. Sie verkennt grundsätzlich dieses, daß alles was sichim sozialen Leben abspielt, sich doch selbstverständlich abspieltunter lebendigen Menschen, und daß die Menschen dieseEntwickelung vollziehen, indem sie sich Zwecke setzen und zuverwirklichen streben.

Man verwechselt häufig die ganz verschiedenen Stand-punkte des sozialen Theoretikers und dessen, der im sozialenLeben selbst handelt. Für jenen ist die soziale Entwickelunginsofern ein notwendig kausalverknüpftes Geschehen, als erdie Gestaltung des Lebens zwingend aus den Motiven derhandelnden Personen ableitet, diese Motive selbst aberwiederum in ihrer Bestimmtheit und Bedingtheit zu ver-stehen sucht. Für ihn ist soziales Leben ein in die Ver-gangenheit versetzter Prozeß. Für den Politiker liegt es inder Zukunft. Was der Theoretiker als Wirkung einer be-stimmten Ursache begreift: der Zweck ist für ihn ein in derZukuuft liegendes Ziel, das ihn sein Wille erst erreichenhelfen soll. Dieser Wille selbst aber ist ein notwendigesGlied in der Reihe der Verursachung sozialen Geschehens.Und er ist, so bedingt er auch sein mag, doch das höchstpersönliche Eigentum des handelnden Menschen. Wenn nunder soziale Theoretiker bestimmte Willensrichtungen unddamit bestimmte Entwickelungsreihen des sozialen Lebensals notwendig nachzuweisen sucht, so geschieht das dochimmer mit der selbstverständlichen Einschränkung: voraus-gesetzt, daß die Energie der handelnden Personen, EntschlüsseZu fassen und zu verwirklichen nicht nachläßt. Sollte einmalsich aus irgendwelchen Gründen, z. B. durch das Vordringen