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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
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16 I. Das preußische Heer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

ehedem Wochen- und monatelang gelegen hatte, verloren ihre Be-deutung. Die Truppe wurde zugleich unabhängiger von ihrenrückwärtigen Verbindungen.

In Träumen, Wünschen, Lehrschriften und mancherlei Versuchensproßten die Elemente für eine neue vervollkommnete Art derKriegführung. Freilich waren sie noch zerstreut und nicht immerlogisch entwickelt. Aber sie ließen doch in ihrer Gesamtheit schondas Bild einer Schlacht der Zukunft entstehen, die ganz andersgeschlagen werden würde, wie zur friderizianischen Zeit. Sie istlängst vor Bonapartes Auftreten von dem Schriftsteller Guibertgeschildert worden: Eine unregelmäßige Front von Truppen, diein kleinen Kolonnen von 2000 bis 4000 Mann das Schlachtfeldbetreten, sich hier in Linien, dort in Bataillonskolonnen entwickeln,wie es die Umstände erfordern. An anderer Stelle Tirailleur-schwärme am Rande eines Dorfes, eines Holzes, oder den Angriffs-kolonnen voraufgehend ziemlich weit rückwärts zahlreiche, inMassen geformte Reserven. Die Infanterie sich zusammenballend,um die Kräfte an einem Punkte aufzuhäufen, wo der Einbruch indie feindliche Linie stattfinden sollte, oder sich ausdehnend, um sieauf den Flügeln zu überragen und zu umfassen. Dazu tritt einemächtige und bewegliche Artillerie, die dort erscheint, wo Breschein die feindliche Front zu legen ist, während leichte Batterien imGalopp vorwärtseilen, um den Gegner aus nächster Nähe mitGeschossen zu überschütten. Die Kavallerie aber vereint sich mitder stürmenden Infanterie, um den Sieg zu vervollständigen unddie Verfolgung aufzunehmen.

Es fehlte nur der Mann, der Macht und Talent genug hatte,um dieses Phantasiegemälde zu verwirklichen, und als solcher tratVonaparte auf die historische Bühne. Sein umfassender Geistvereinigte alle die vorhandenen Bruchstücke eines neuen Kriegs-systems und fügte sie in genialer Art aneinander. Mit feinenselbständigen Heeresabteilungen legte er Beschlag auf das Kriegs-theater, ohne die Möglichkeit der schnellen Vereinigung aus demAuge zu verlieren. Er dehnte seine Armee hinreichend aus, umden Feind zu täuschen und zu überflügeln. Er vereinigte dannalle Anstrengungen auf einen Angriffspunkt, überraschte den Gegnerund hielt das ganze Heer in ununterbrochener Bewegung. Ausder einfachen Umfassung wurde durch ihn der geschlossene Stoßgegen Flanken und Rücken des Feindes. Dem dadurch erfochtenen